Über das Reisen - Eine Betrachtung über den Bedeutungswandel von Bahnhöfen (2015)

Das Reisen hat sich geändert. Zur Zeit der Errichtung der großen, räumlich beeindruckenden Bahnhofshallen war das Reisen mit der Bahn ein Ereignis von Bedeutung. Die Vorbereitungen waren umfangreich, das Reisen teuer und im Wesentlichen der gesellschaftlichen Elite vorbehalten. Das Abfahren und Ankommen wurde architektonisch insze­niert. Heute bucht man schnell online im Internet und fliegt über das Wochenende nach Rom. Das kostet so viel wie ein Essen für Zwei im Restaurant. Mit der Bahn fahren Pendler täglich zur Arbeit, Manager zur Besprechung nach Linz, Salzburg oder München, die Fahrzeit zur Arbeit am Labtop nutzend, Schüler zur Schule. Ist das "Reisen"?


Mit dem Bedeutungsverlust des Reisens verloren auch die Bahnhöfe ihre zentrale Bedeutung im physischen und psy­chischen Organismus unserer Städte. Die architektonisch oft großartigen Hallen litten unter den in ihnen wuchernden parasitären Einbauten für sekundäre Nutzungen, die meist ihre ausgewogene Ästhetik störten. Dieser Achtlosigkeit entsprach oft auch die Vernachlässigung der Substanzpflege. Rostende Stahlkonstruktionen, zerbrochene Naturstein­plattenverkleidungen auf Wänden, Pfeilern und Böden, bestenfalls- wenn überhaupt- im Dauerprovisorium mit nicht zum Original passenden Platten ergänzt. Der Charakter hatte sich entscheidend verändert. Die einstigen Kathedralen des Verkehrs, welche mit ihren großartigen Raumschöpfungen die neu gewonnene Mobilität feierten, waren zu eilig durchschrittenen, unwirtlichen Wartehallen für ungeduldige Reisende und zugigen Nachtquartieren für Obdachlose verkommen.


Eine bedauerliche Entwicklung, gehören doch die Bahnhofshallen zum wertvollen kulturellen Erbe unserer Städte. Diese sind aber lebendige Organismen und damit einem permanenten Wandel unterworfen. Ständig weiter wach­send- oft auch scheinbar regellos wuchernd- oder stagnierend, schrumpfend; jedenfalls aber immer in Bewegung. Großartige Bauten verlieren an Bedeutung, Zweitrangiges rückt ins Zentrum, nichts bleibt auf Dauer so wie es war. Wo die Substanz Raum für neue Nutzungen bietet, kann dies die Erhaltung ermöglichen. Wo es nicht gelingt, drohen weitere Verwahrlosung oder gar der Abbruch.


In Europa hat sich angesichts der beschriebenen Problematik die Umwandlung der Bahnhöfe in eine Kombination aus verkleinerten Verkehrsstationen mit mehr oder weniger großen angeschlossenen Einkaufszentren durchgesetzt, um die Fahrgastfrequenzen der Verkehrsmittel in diese Zentren zur Generierung zusätzlicher Einkünfte umzulenken und damit die Bilanzen der überall defizitären öffentlichen Verkehrsträger aufzubessern. Dass damit auch die Erhaltung und Sanierung wertvoller alter Bausubstanz ermöglicht wird liegt zwar selten im primären Interesse der Handelnden, ist aber eine zwingende Folge dieser Nutzungskombination. Man mag diesen Primat des Kommerziellen beklagen. Kritiker sprechen hier gerne von der Degeneration der Bahnhöfe zu Einkaufszentren mit Bahnanschluss. Aber auch sie haben keine nachhaltig funktionierenden Alternativen anzubieten.


Angesichts dieser Ausgangslage hielte ich es für unproduktiv, die Kommerzialisierung aller Lebensbereiche bloß zu beklagen und ziehe es vor, mich nicht den Realitäten unseres Gesellschaftssystems zu verweigern sondern mit ihnen zu arbeiten, um das Bestmögliche in dieser nicht unbedingt "Besten aller Welten" zu erreichen. Wir setzten uns da­her beim großflächigen Umbau des Wiener Westbahnhofes zum Ziel, die denkmalgeschützte, architektonisch und zeitgeschichtlich wertvolle Halle aus den 1950iger Jahren, die nicht nur durch zahlreiche störende Einbauten verunstaltet sondern auch in ihrer baulichen Substanz gefährdet war, zu sanieren und andererseits für neue Funktionen so zu nutzen, dass ihr beachtliches räumliches Potential, ohne wesentliche Beeinträchtigung, zur Geltung kommen kann. Sie sollte zum lebendigen Zentrum eines multifunktionalen Gebäudekomplexes werden; dem Mittelpunkt eines engmaschigen Geflechtes aus U-Bahn-, Bahn-, Straßenbahn- und Busstationen, mit Geschäften, Dienstleistungs-Einrichtungen, Büros und einem Hotel zu einem auch wirtschaftlich überlebensfähigen städtischen Organismus verbunden. Eine tagsüber und in der Nacht lichtdurchflutete Halle mit hunderten Sitzplätzen ohne Konsumationszwang auf neu eingefügten Galerien mit Cafes und Gastronomie. Die imposante Wartehalle von einst, die das Ankommen und Abfahren herrschaftlich opulent inszenierte, wird zum pul­sierenden öffentlichen Ort.


Von und zu den Zügen eilende Passagiere, die Ebenen der Halle durchquerend, sich vermengend mit flanierenden Einkaufenden, auf den Galerien Wartende; aber auch ein leicht erreichbarer Treffpunkt zum Tratsch in der Mittags­pause oder am Abend nach Büroschluss, für die mehr als tausend hier Beschäftigten. Ein Platz für frei zugängliche Veranstaltungen, für Beobachter und Beobachtete, für Müßiggänger und Geschäftige. Mit einem Wort: Ein städti­scher, öffentlicher Ort in einer nicht gerade an öffentlichen Plätzen überreichen Stadt.


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