Autobiografische Skizzen

Gewalt (2021)

Ich habe keine frühen Gewalterfahrungen. Die ersten Erinnerungen sind jene an die "Halbstarken" auf Wiens Straßen der 1950er-Jahre. Man sah sie vor allem in den überwiegend proletarischen Bezirken, wie etwa der Brigittenau, wo ich aufgewachsen bin. Mit ihren dunklen Lederwesten, Jeans und dem möglichst dicken "Packl" - den hinten im Nacken mit geradem Strich horizontal abgeschnittenen Haaren - immer in Gruppen auftretend, waren sie schon von weitem erkennbar. Die Erwachsenen in unserem Viertel nannten sie auch "Eckensteher", weil sie sich an der Ecke unseres gründerzeitlichen Häuserblocks trafen und dort auch lange stehen blieben. Es gab im Bezirk unterschiedliche Cliquen, die einander mieden. Jede hatte scheinbar ihr Revier. Die Wohnungen waren klein, an Lokalen gab es nur den "Wirtn", das Gasthaus an eben jener Ecke, wo sich die Bande unseres Grätzels traf. Dort aber gingen sie nur hinein, um eine Flasche Bier zu holen, die sie auf der Straße tranken. Einer hatte einen großen Hund bei sich, vor dem ich mich fürchtete und immer im großen Bogen auswich. 


Kindheit am Fluss (2021)

Heuer machte ich mit einem Freund einen Spaziergang auf der Donauinsel. Es war ein wunderbar sonnig-warmer Februartag. Nur einmal zuvor, in einem bereits lange zurückliegenden Sommer, war ich hier gewesen. Das rege, bunt gemischte Treiben von Jung und Alt, Halbnackten und Bekleideten, auf den zahlreichen Grill-, Spiel- und Badeplätzen hatte einen bleibenden Eindruck hinterlassen.


Dieses Mal war es anders. Wir starteten an der Reichsbrücke und gingen entlang des Flussufers stromaufwärts. Nur wenige nutzten diesen ersten strahlenden Frühlingstag nach der nebelig, düsteren Zeit eines langen Winters in der Großstadt. Einige vereinzelte Spaziergänger, Sonnenanbeter auf der sanften Uferböschung, halb hinter dem Astgewebe von Sträuchern verdeckt, hin und wieder Jogger und Radfahrer. Keine Wolke am Himmel, Windstille.

Das Ende einer Freundschaft (2019)

Das Neue Jahr 2017 begann für mich nicht schön. Ich beendete die mehr als ein halbes Jahrhundert dauernde, in unserer gemeinsamen Studienzeit beginnende Freundschaft mit S. und M. Wie hatte das geschehen können?


Im Frühsommer des Jahres 2015 erlebten die Österreicher den Zusammenbruch ihrer eitel, trügerischen Vorstellung, in einer sich stürmisch verändernden Welt, den daraus resultierenden Auswirkungen gewalttätig ausgetragener Konflikte auf einer "Insel der Seligen" entkommen zu können. Die Bürgerkriege in Syrien und Afghanistan kumulierten in einer rasch anwachsenden Flüchtlingswelle, welche sich über die sogenannte "Balkanroute" in Richtung Deutschland und weiter in den Norden bewegte.

Prägende Wohnerfahrungen (2020)

Ich bin in einer Zinskaserne eines Wiener Arbeiterbezirkes aufgewachsen. Unsere Wohnung war klein, obschon sie zu den größeren zählte und auch insofern privilegiert war, als sie das WC und einen Wasseranschluss in der Wohnung hatte. Die meisten im Haus hatten das nicht. Die Küchen hatten nur ein Fenster hinaus zum Erschließungsgang. Unterhaltungen zwischen den Wasser von der Bassena (Wasserzapfstelle am Gang) Holenden und den gerade Kochenden, über das geöffnete Fenster hinweg, waren häufig. Gleichsam eine großstädtische Form des Tratschens am Dorfbrunnen.

Heimat (2020)

Mit dem Heimatbegriff habe ich mir immer schon schwer getan. Ex negativo gelingt es mir allerdings leichter, diesen aus unserer jüngeren Vergangenheit hoch belasteten Begriff zu fassen. Gefühle des Verlustes, des Schmerzes und der Verlassenheit, des Fehlens und der Leere. Ja, die gab und gibt es. Wenn ich aus der Distanz der Jahre zurück schaue, finde ich in allen Abschnitten meines Lebens diese Gefühle, aber auch Orte, wo es mir besser ging. So schließe ich daraus, dass Heimat wohl dort zu suchen sein wird, wo kein Mangel an gutem Leben herrscht. Was natürlich direkt zur Frage führt, worin denn nun gutes Leben bestehe.

Studienzeit (2017)

Ich begann mein Studium an der TU Wien eher zufällig, ohne wirkliche Vorstellung, welchen Weg ich da beschritten hatte. Es ging mir wohl eher darum, ein Studium zu beginnen, um meine Eltern nicht zu enttäuschen. Als Arbeiterkind ein Gymnasium, geschweige denn eine Universität zu besuchen , war im Österreich der 1950er-Jahre keine Selbstverständlichkeit. Zwar gab es im von der bildungsaffinen Sozialdemokratie bestimmten Wien eine Befreiung vom Schulgeld und ein Stipendium während des Besuchs der Oberstufe, das zwar klein war, aber doch meinen Eltern half. Ich besuchte das Realgymnasium in der Brigittenauer Unterbergergasse. Wie ich später erfuhr, gab es damals an der doch recht großen Schule, neben mir, nur einige wenige "Arbeiterkinder".

Ein Rückblick auf mein "Berufsleben" (2015)

Ich bin nicht als Architekt geboren worden. Mit sechzehn hatte ich eine erste Ausstellung meiner Malerei in einer kleinen Wiener Galerie und die feste Absicht, diese meine Leidenschaft zu meinem Beruf zu machen. Es sollte aber anders kommen. Nach der Matura, zurück kommend von einem längeren Auslandsaufenthalt, galt es, die Zeit bis zum Beginn des Studienjahres zu überbrücken. Ein mit meinem Vater befreundeter Maler - Feri Zotter - bot mir an, ich könne ihm bei der Anfertigung von Bühnenbildern und verschiedenen Sgraffiti für Wiener Gemeindebauten behilflich sein. Ich nahm natürlich dankbar an, schien es mir doch eine gute Gelegenheit zu sein, einen raschen Einstieg in die Berufspraxis eines Malers zu finden. Ich kletterte viel auf Baugerüsten herum, kratzte Feri Zotters Entwürfe in frische Putzschichten, malte großflächige Hintergrundprospekte und bastelte aus auf Rahmen gespanntes Leinen Wände für Bühnenräume. Nachdem Feri sich aus Gesundheitsgründen zurückziehen musste, übernahm ich seine Agenden. So wurde ich für einige Zeit Bühnenbildner der Burgenländischen Landesbühne.

Die ersten Jahre (2015)

Ich bin in einer Handwerkerfamilie aufgewachsen. Meine Mutter, eine gelernte Schneiderin aus einer katholischen Eisenbahner-Familie mit Weingarten in Strasshof, ging als unternehmungslustige 23-Jährige 1937 mit einer Freundin als Au-pair-Mädchen nach London. Kurz vorher hatte sie in einem Wiener Prater-Cafe mit Tischtelefon meinen Vater kennen gelernt.