Über Notwendigkeiten in der Architektur (1983)

AM ANFANG WAR DIE HÖHLE.


Existentielle Grundbedingung des Mangelwesen Menschist seine Ausgesetztheit. Er sucht, viel zu früh vertrieben aus dem  Paradies des Uterus, verletzbar und hilfsbedürftig, immer wieder nach der Geborgenheit der Ur-Höhle. Die Höhle des urzeitlichen  Menschenist Ausgangspunkt aller Architektur und Archetypus des Raumes. Nicht zufällig erinnern im bergenden Schoß ägyptischer Pyramiden verborgenen Grabkammern und  christliche Krypten an dieausgemalten Höhlen­räume von Lascauxund Altamira.


Mit fortschreitender, technischer Entwicklung wurden - nicht erst heute - immer bessere Methoden zur Konditionierung von Umweltbedingun­gen geschaffen. Man denke etwa an die raffinierten Fußbodenheizsysteme in den römischen Prachtvillen der Kaiserzeit; perfekte Lüftungssysteme, die mit rein baulichen Mitteln, unter Ausnützung natürlicher Thermik, Bedingungen schufen, die das Leben auch im Hochsommer erträglich machten.


Durch Jahrtausende beschränkten sich die Möglichkeiten zur Veränderung der Umwelt, zur Schaffung von Klima- und Wetterschutz, auf bauliche Mittel. Begrenzte Begriffsbestimmungen und traditionelle Definitionen der Architektur müssen jedoch angesichts neuer technischer Entwicklungen überdacht und erweitert werden. Die unaufhaltsame Ausbreitung der Kommunikationsmedien und Datenverarbeitung haben dazu geführt, dass für viele Fragestellungen "Bauen" nicht mehr unbedingt der einzige Weg zur Problemlösung ist. Man denke etwa an die Auswirkungen im Bildungswesen. Der Ersatz der Schule durch den Dialogcomputer ist denkbar und zumindest ansatzweise bereits Realität. Wenn er auch vorläufig nur als Lehrbehelf eingesetzt wird, so ist doch ein Szenario denkbar, in dem Schüler und Lernmaschine die alleinigen Partner sind. Ähnliches gilt zum Beispiel für die unsere Städte überwuchernden Bauten der Verwaltung. Auch hier könnte es zur totalen örtlichen Dezentralisierung kommen. Wozu sollte es notwendig sein, eine perfekte Wohnmaschine acht Stunden am Tag unbenützt zu lassen, die öffentlichen Verkehrsmittel oder die Straßen zu belasten, wenn ein Terminal, ergänzt durch ein Bildtelefon, zur ausreichenden Kommunikation mit der Zentrale und dem Arbeitsteam genügen. Büros werden überflüssig.


Das sind nur zwei Beispiele für eine Entwicklung, an deren Ende die totale Abkapselung des in seiner Kommunikationszelle eingeschlossenen Individuums stehen mag. An die Stelle direkten Informationsaustausches tritt die Vermittlung über die Kommunikationsmaschine, die sich wie ein Filter zwischen Innen- und Außenwelt schaltet. Eng damit verbunden ist die Verlagerung des Gewichtes von der Bedeutung zur Wirkung, zum Effekt. Wird Architektur über Fernsehen, Film oder Fotografie erlebt, so erscheint es unwichtig, ob zum Beispiel Notre Dame tatsächlich existiert - Notre Dame könnte simuliert werden. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis die Laser-Technik so weit entwickelt ist, dass es möglich wird, Architektur in Hologrammen erstehen zu lassen: Architektur aus dem Laser, die Horrorvision einer pervertierten technischen Zivilisation der Surrogate.


In den fortschrittsgläubigen 1960er- Jahren entwickelten Architekten (wie etwa Peter Cook) Konzepte, die in ihrer Konsequenz zur Auflösung des tradierten Architekturbegriffes führen mussten. Sie zerlegten die Raumbedingungen einerseits in Raumbegrenzungen - wie scharf, fließend, hart, weich - sowie andererseits Raumkonditionierung - wie etwa Temperatur, Feuchtigkeit, Schallabsorption. Dadurch wurden Konzepte ermöglicht, die durch radikales Durchdenken der technologischen Möglichkeiten zu überraschenden Entwürfen führten.


Die Raumkapsel, vor allem aber der Raumanzug als "Behausung", die perfekter als jedes bauliche System, die umfassende Kontrolle der Körperwärme, der Nahrungszufuhr, Fäkalienverwertung und der optimalen Sauerstoffversorgung gestatten, verbunden mit einem Maximum an Mobilität: "My suit is my  castle". Blasenförmige, in ihrer Form beliebig veränderbare Gebilde aus elastischen Membranen überziehen gigantische Megastrukturen. Elektroden übermitteln physiologische Daten an Computer, die im Feedback-Verfahren die Raumkonditionen und Raumbegrenzung entsprechend den Bedürfnissen anpassen. Die Stadt wird zum pulsierenden, sich ständig verändernden Organismus. Das Bauwerk wird zur dritten Haut. Erhofft wurde eine total flexible, mobile Architektur, die den Bedürfnissen einer hochindustrialisierten Überflussgesellschaft genügen sollte. Zu erreichen war damit allerdings nur die Auflösung der Architektur. Die konsequente Weiterführung dieses analytischen Modells führt zur "Architektur aus der Pille" (Hans Hollein). Raumillusion und Manipulation aus der Retorte. Psychodelische Architekturen. Die "Brave New World" benötigt nicht mehr Baukünstler, sondern Chemiker: "My head is my castle''. Allerdings wird selbst dann, wenn Bauen nicht mehr notwendigerweise das beste Mittel zur Herstellung bzw. Definition von Räumen darstellt, Architektur weiterhin geschaffen werden, denn sie ist gewiss mehr, als nur die dritte Hülle des Menschen.


Von den ersten Stadtgründungen an bis hinauf zur Megapolis unserer Gegenwart, war die Zitadelle Kristallisationspunkt der Macht. Im Palast und Tempel fand diese Macht ihre Darstellung. Der monumentale Maßstab sollte den Fremden einschüchtern und überwältigen. Keine Kosten wurden gescheut, um - wenn man die damaligen technischen Möglichkeiten bedenkt - Massen von Lehm oder Stein zu gewaltigen Mauern zu schichten, die Dauerhaftigkeit und Stärke vermitteln sollten. Erhöht wurde deren Wirkung dadurch, dass diese Städte in den breiten Tälern Mesopotamiens und Ägyptens auf riesigen, bis zu fünfzehn Meter hohen Plattformen aus Schlamm errichtet wurden. Darüber erhoben sich Bastionen bis zu dreißig Meter Höhe, die wiederum vom Haupttempel überragt wurden. Die ästhetische Wirkung dieses massiven, braunen Kollosses, der sich wie ein Berg aus der blühenden, grünen Ebene erhob, muss gewaltig gewesen sein. So schien den Zeitgenossen die Stadt von den Göttern erbaut und ihre Mauern "bis an die Wolken" reichend.


Das Königtum suchte seine Legitimation im Imponiergehabe monumentalen Bauens, ein Konzept, das sich bis in unsere Tage erfolgreich behauptet hat. Ein Vergleich mit den Pyramiden von Teotihuacan in Mexiko oder der Pyramide des Djoser in Sakkara, zeigt Archetypen der Monumentalität, deren Wirkung, bei durchaus unterschiedlicher, vordergründiger Funktion, immer gleich bleibt. Sie bilden symbolhaft das hierarchische Gefüge einer autoritären Gesellschaft ab.


Nach Herodot mühte sich beim Bau der Cheops-Pyramide ein Heer von hunderttausend Sklaven zwanzig Jahre lang ab, um den gewaltigen Bau zu errichten. Wenn auch die bildhafte Sprache des Historikers die Zahl übertrieben haben mag und sicher nicht nur Sklaven, sondern auch gelernte Arbeiter und freie Männer die Pyramiden erbaut haben werden, so bleibt doch die überwältigende, organisatorische Macht beeindruckend, welche diese "Menschliche Maschine" (L. Mumford) in Gang gesetzt hat. In der Präzision der Verarbeitung und kalten, abweisenden Glätte der nicht mehr erhaltenen Steinplattenverkleidung, finden die weltliche Macht, in der Zahlenmystik der geometrischen Gestalt, die Göttlichkeit des Pharao ihre Verherrlichung.


Eines der eindrucksvollsten Beispiele dafür, wie Architektur zur Repräsentation von Macht verwendet werden kann, lieferte Ramses II, der mit Zielstrebigkeit den Beinamen "Der Große" anstrebte. "Mächtiger Bulle, von Maet geliebt, Herr der Freudenfeste wie sein Vater Ptah, Beschützer beider Länder und Beherrscher fremder Länder, reich an Jahren, groß an Siegen, Usimares Setepenres Ramses, der von Amun Geliebte." Mit diesem Namen wurde er bei seiner Thronbesteigung gesegnet. Zum einen war der "Bulle reich an Jahren" damals ganze achtzehn Jahre alt, und zum anderen waren die einzigen Siege auf die er verweisen konnte, die seines Vaters Sethos I. In diesen Jahrhunderten stritten die Ägypter mit den Hethitern um die Vormachtstellung in der Ökumene. Diesen zeitweise heißen, zeitweise kalten Krieg, wollte der ambitionsreiche Pharao beenden und sich seines Namens würdig erweisen. Vier Jahre bereitete er sich durch eine Reorganisation des Heeres und der Nachschublinien auf die entscheidende Auseinandersetzung vor. Im fünften Jahre seiner Herrschaft setzte er zum entscheidenden Angriff an. Doch das Versagen des Nachrichtendienstes sowie Fehlentscheidungen des Generalstabs führten in der Schlacht von Kadesch zum Untergang der siegesgewissen Armee. Eine Niederlage, die sich für die Nachwelt segensreich auswirken sollte. Denn was dann einsetzte, war eine beispiellose Propagandakampagne, in deren Verlauf eine umfangreiche Bautätigkeit ganz Ägypten mit Tempeln, Stelen und Umbauten überzog. Jedes Bauwerk verkündete die Macht, den Ruhm und Reichtum des Pharaos. Darüber hinaus erzählten ihre Mauern in Inschriften immer wieder von der Schlacht von Kadesch, und zwar so, wie sie Ramses gerne geschlagen hätte. Diesen Bauwerken sollte gelingen, was den Waffen versagt geblieben war, nämlich Ramseszum weitaus berühmtesten ägyptischen Herrscher zu machen.


In der gesamten über drei Jahrtausende reichenden ägyptischen Baukunst, die a priori monumental war, finden sich Formelemente und Strukturen, die für die meisten repräsentativen Bauten geschichtlicher Zeit charakteristisch sind. Mindestens einachsige Symmetrien, kolossale Säulen-, beziehungsweise Pfeilerstellungen, Übersteigerung des Maßstabs und perspektivische Entrückung des Allerheiligsten.


Diese Prinzipien lassen sich auch in ganz anders gearteten kulturellen Zusammenhängen aufzeigen. Man denke etwa an Schloss Versailles, dem wohl eindrucksvollsten "Theater der Macht", in dem Ludwig XIV. "das Ballett seiner Herrschaft tanzte" bzw. tanzen ließ. Selbst Colbertverkannte die Absichten Ludwigs, als er bemerken musste, dass der König immer mehr Geld in seinen scheinbaren Landsitz investierte. Er hielt das Jagdschloss für eine Stätte des Vergnügens.  Aber hier entstand jene Szenerie, in der der Monarch die absolute Herrschaft darstellen konnte, das Instrument seiner "gloire"und zugleich deren Monument. Im Zentrum der Anlage befand sich symbolhaft das Schlafzimmer des Herrschers. Die totale Symmetrie als Sinnbild für den totalen Machtanspruch unterwarf die Architektur und das Leben einem unerbittlichen Zeremoniell. Nicht einmal vor der Natur machte der ordnende Geist Halt und unterwarf selbst die Landschaft den Gesetzen der Geometrie. Madame de Maintenon soll sich darüber beklagt haben, im Namen der "grandeur" vielleicht auch einmal "symmetrisch sterben zu müssen". Tatsächlich wurde die unmenschliche Starrheit auch Ludwig selbst unerträglich, der sich in seinen späteren Jahren in das vergleichsweise intime Trianon zurückzog. Die in Versailles repräsentierte Macht ist schon lange vergangen, aber auch heute noch kann man sich nicht der suggestiven Wirkung dieser Architektur und der in ihr wirkenden, ordnenden Kräfte entziehen.


Wie aber bringt sich Herrschaft in demokratischen Gesellschaftssystemen in der Architektur zur Darstellung? Ohne auf die vielfältigen Erscheinungsformen von Entscheidungsprozessen in Politik und Wirtschaft näher einzugehen, lässt sich doch tendenziell eine Verlagerung von qualitativen zu quantitativen Kriterien behaupten. Die Dominanz des Durchschnittlichen, der größte gemeinsame Nenner und der Kompromiss prägen die Entscheidungen von Kollektivorganen. Statistische Methoden als Instrumente der Entscheidungsfindung reduzieren komplexe Problemstellungen auf ihre quantifizierbaren Strukturelemente. Nicht Quantifizierbares wird daher auch nicht mehr argumentierbar und so für nicht existent erklärt. Die Rückkopplung zwischen Auftraggebern und Planern führt auf diese Weise schrittweise zu einer Eliminierung des Künstlerischen aus dem Baugeschehen in den Bereichen der Wirtschaft und öffentlichen Hand. Der Zwang Entscheidungen vor Kontrollorganen rechtfertigen zu müssen begünstigt quantitativ erfassbare Modelle und verdrängt Symbol, Zeichen und Gestalt, die für nicht funktional und daher überflüssig erklärt werden. So ist der zerstörerische Siegeszug eines eindimensionalen Funktionalismus zu erklären, dessen behaupteter Realitätssinn die Komplexität unserer Lebensrealitäten ignoriert und damit selbst irrational wird. Unter dem Vorwand der Rationalität wird Baukunst auf die bloße Fertigkeit reduziert, auf einigen wenigen Kriterien aufbauende Funktionsschemata zu optimieren und in Grundrisse umzusetzen. Die Epigonen von Gropius, Mies und Le Corbusier deformierten den tiefgründigen Schlachtruf der Moderne "Form follows function", der weitgespannter Betrachtungen wert wäre, zu "Form follows fiction" und überschwemmten unsere Städte mit plattem Gerümpel. Die Bedürfnisse nach Identität, Selbstdarstellung und Repräsentation blieben unbefriedigt, und so entwickelte sich eine ganze Ikonographie von Ersatzarchitektur, von "Dekorierten Schuppen" (Robert Venturi). Der Portikus aus dem Kaufhauskatalog, Wagenräder an der im rustikalen Look verputzten Hausmauer im Villenviertel einer Großstadt, elektrische Gaslaternen, schmiedeeiserne Prachtgitter vor den Fenstern öder Vorstadtreihenhäuser, Gartenzwerge und Natursteintapeten sind Ausdruck des Widerstandes gegen die Reduktion der Architektur. Der Kitsch ist die hilflose Rache für die Eliminierung von Symbol, Zeichen und Gestalt.


Natürlich gelingt es zuweilen schauspielerischen Talenten und trickreicher Argumentation, überzeugende Architektur an den Klippen jener zahlreichen Instanzen vorbei zu lenken, die sich heute auf allen Ebenen in den Entwurfsprozess einschalten. Vom Bauherrn über die verschiedensten behördlichen Stellen, mischen alle mit bei der Produktiondes zeitgenössischen Bauens. Zeitgenössische Architekten haben viel mehr zu beachten, als das, was noch vor einem halben Jahrhundert den Alltag der Planenden bestimmte. Nicht nur im technischen Bereich ist der Umfang zu bewältigender Aufgaben geradezu explodiert - man denke etwa an die hochkomplexen Installationsaufgaben, die koordinativ zu bewältigen sind - sondern auch im juristischen. Das Vordringen im Ansatz sicher berechtigter, mit Fortentwicklung des Verwaltungsstaates aber immer hypertropherer, rechtlich verbindlicher Normierungen hat eine derartige Fülle von zu berücksichtigenden funktionellen, technischen und juristischen Vorgaben produziert, dass jedes Bauwerk zu einem fast unüberschaubar hochkomplexen Gebilde geworden ist. So kapitulieren Architekten oft vor der Fülle dieser zu ordnenden Faktoren und begnügen sich im Allgemeinen damit, den "säkularen" Teil ihrer Arbeit zu bewältigen. Manchen gelingt es allerdings zu erreichen, was Palladioin seinen "Quattro libri" einfordert: ".....dass die kleinen Tempel die wir machen, ähnlich sein sollten jenem ganz großen Tempel, welcher vollendet worden ist durch ein einziges Wort Seiner unendlichen Güte."


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