Das Schaffen öffentlicher Orte (2015)

Wien ist keine Stadt der Plätze. In den 1960iger-Jahren hatten es junge Menschen noch schwer, hier Orte unverbindlicher Zusammenkunft zu finden. Es gab fast keine Lokale in denen man einander treffen konnte, nur die Foyers der Kinos und Theater, an Diskotheken das "Atrium" für die Kinder der Oberschicht und den "Volksgarten" für den Rest. Im Sommer die Freibäder, das Jahr über die Sportplätze. Sonst wenig bis nichts. Die Kinder der "Besseren Gesellschaft" trafen sich auf Partys und Tennisplätzen. Wir vermissten die öffentlichen Orte des Sehens und Gesehen-Werdens, die wir vielleicht vom Urlaub aus italienischen Städten kannten oder auch nur vom bloßen Hörensagen. Nachbarn trafen sich, Wasser holend, zum "Tratsch" auf den Gängen der gründerzeitlichen Zinskasernen am Weg zur "Bassena" - dem städtischen Äquivalent zum Dorfbrunnen. Oder beim "Greissler" um die Ecke beim täglich notwendigen Einkauf der Lebensmittel - die Wenigsten hatten Eiskästen. Und wenn, dann waren das solche, in denen vom "Eismann" gelieferte Eisblöcke für mäßige, schnell vergehende Kälte sorgten. Wenige Haushalte hatten Telefonanschlüsse. Oft gab es nur den sogenannten "Viertel-Anschluss", bei dem sich mehrere Teilnehmer eine einzige Leitung teilen mussten. Man musste oft auf die Beendigung des Gespräches anderer warten, um telefonieren zu können, was - abgesehen von den recht hohen Kosten - dieser Kommunikationsmöglichkeit nicht gerade förderlich war. Diese erlebten Defizite meiner Jugend prägten die Vorstellungswelt des Erwachsenen.


Architekten glauben Städte bauen zu können. Die Unzahl misslungener Versuche lehrt jedoch, sich vor dieser Hybris zu hüten. Wir sollten uns immer bewusst machen, dass jedes neu errichtete Gebäude einen Teil des Stadtraumes vernichtet. Diese Ressource ist nicht vermehrbar. Im Umgang mit ihr sind wir daher zur Sorgfalt verpflichtet. So meine ich, dass wir im Bauen auch einen gesellschaftlichen Mehrwert zu schaffen haben, der an die Gemeinschaft zurück zu geben ist. Jeder Neubau interveniert in das komplexe Geflecht der Stadt und wirkt in nicht vorhersehbarer Weise ein auf ihren Organismus. Es kann daher hilfreich sein, historisch in ihren Auswirkungen erprobte Konzepte, neu interpretierend, aufzugreifen.


Während meiner Studienzeit unternahm ich ausgedehnte Reisen in den mediterranen Raum. Zeichnend saß ich auf den wunderbaren Plätzen italienischer Städte, im Schatten der Arkaden oder Stadtloggien, blickte hinab vom hohen Stufenaufbau der Kirchen auf das früh-abendliche kleinstädtische Treiben und spazierte durch diese fantastischen Stadträume, über intime oder auch weite, immer aber auch akustisch in ihrer Geschlossenheit erfahrbare Plätze. Alle diese Eindrücke saugte ich auf. Wie sehr mich diese frühen Erfahrungen geprägt haben, wird im Rückblick auf fünf Jahrzehnte eines Architektenlebens deutlich. Aus der Distanz der Jahre wird ein übergeordnetes Leitthema erkennbar, das viele meiner Arbeiten wesentlich bestimmt hat. Es ist die Auseinandersetzung mit dem öffentlichen Raum in seinen vielfältigen Erscheinungsformen.


© 2019 ERIC STEINER: office@ericsteiner.at