Eine Fassadebetrachtung beim Spaziergang rund um den Wiener Stephansdom (1987)

Auf dem ersten Blick mit sparsam verwendeten Mitteln gestaltet, offenbart die Fassade des Kurhauses am Stephansplatz erst bei näherer Betrachtung, mit welcher Raffinesse die Fläche unter dem Motiv der „Drei-Zahl“ durchkomponiert wurde. In der Vertikalen findet sich die klassische Dreiteilung in Sockelgeschoss, Mittelstück und das oberste Geschoß mit dem Hauptgesims. In der funktionalen Hierarchie des Gebäudes ist dem ersten Stock, analog zur Beletage des Bürgertums, vorrangige Bedeutung zugewiesen. Aus dieser Randbedingung wird die unterschiedliche Gestaltung der Fensterrahmung entwickelt. Die Fenster des Sockelgeschoßes, mit ihrem einfachen Gewände, kontrastieren mit der reichen Umrahmung des ersten Stockwerks. Im zweiten und dritten Stock etwas sparsamer geschmückt, findet die Gestaltung der Fenster, nach der behutsamen Zäsur des zarten Zwischengesims, wieder im obersten Geschoss zur schlichten Rahmung der Sockel-Fenster. In der Horizontalen wird die Fläche gleichfalls im Zeichen der Drei gegliedert: der Mitte wird die größte gestalterische Dichte zugewiesen. Zarte Pilaster teilen den Mittelrisalit in drei gleich große Felder, die beiden Eckrisalite markieren die Enden des Gebäudes. Wie konsequent dieses Ordnungsprinzip auch noch im Detail befolgt wird, erweist sich in der Anordnung und Teilung der Fenster. Jeweils drei Stockwerke bilden die Mittelzone zwischen Sockel und Zwischengesims, jeweils drei Fensterachsen in den Risaliten, drei in den Zwischenstücken. Überflüssig zu erwähnen, dass natürlich auch die Fenster selbst wieder in der Lotrechten in drei Felder geteilt sind. Nicht zuletzt erklärt sich die schlichte Würde dieser Fassade aus der konsequenten Strenge, mit der die Fläche nach dem einfachen Gestaltungsprinzip der "Drei-Zahl" organisiert wird.


Ganz anders wieder die Prinzipien, nach denen das Erzbischöfliche Palais am Stephansplatz gestaltet wurde. Flach hingestreckt, wendet sich die Fassade zum Dom. Auf einem durch eingeschnittene Nuten und Rundbögen plastisch wirkenden Sockel liegt der erste Stock. Regelmäßig reihen sich Fenster an Fenster, jeweils von einem einfachen Gesims gekrönt. Liegen die Fenster des Obergeschosses flächig in der Fassade, so treten sie im Erdgeschoss tief in den Schatten der Arkade zurück. Über allem ruht ein mächtiges Dach. Die Flächen sind gleichmäßig geteilt, die Fenster ohne Zwischengliederung additiv gereiht. In diese ruhige Fassade fügt sich ganz selbstverständlich der ältere Bauteil des Chores der Kapelle. Alt und Neu stoßen übergangslos aneinander. Selbstbewusst wurde die ehrwürdige Kapelle vom Neubau umschlossen. Da versucht der Baumeister nicht in falscher Bescheidenheit sich dem älteren Bauteil unterzuordnen. Und doch entsteht aus der wohlbedachten Abstimmung der Gesimslinie und dem rechten Verhältnis der Flächen eine Spannung, in der Alt und Neu für sich bestehen und sich zu einem größeren Ganzen beziehungsvoll zusammenfügen. An der Ecke zur Rotenturmstraße springt die Gesimslinie; turmartig betont, durch besonders reiche Verzierung der letzten drei Fensterachsen noch unterstrichen, wird die Ecke des Baukörpers zum Höhepunkt der asymmetrischen, freien Komposition aus Altem und Neuem.


Recht nahe liegt der Kardinal-Innitzer-Hof am Stephansplatz. Zwar lässt sich nicht übersehen, dass auch hier der Versuch unternommen wurde, die Fassadenfläche zu ordnen. Wir erkennen einen hohen zweigeschossigen, mit Natursteinen verkleideten Sockel, auf dem das Gebäude ruht. Aber welch öde Monotonie strahlt diese dürftige Lochfassade aus. Hier wurde sichtlich Schlichtheit mit dem Verzicht auf Gestaltung verwechselt. Auch die Natursteingewände der Fenster können nicht darüber hinwegtäuschen. Im Zentrum der Fläche unternimmt ein Mosaik den hilflosen Versuch, einen Schwerpunkt zu setzen. Nach oben begrenzt das Hauptgesims die Fassade - bzw. sollte begrenzen. Tatsächlich aber sitzt über jedem Fenster der Regelgeschoße eine Dachgaupe beachtenswerter Größe: das Dach ist keines sondern ein notdürftig verstecktes, voll ausgebautes Hauptgeschoß. Wahrlich ein schlichtes Gegenüber zum Dom – aber sicher kein würdiges.


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