Ein Rückblick auf mein "Berufsleben" (2015)

Ich bin nicht als Architekt geboren worden. Mit sechzehn hatte ich eine erste Ausstellung meiner Malerei in einer kleinen Wiener Galerie und die feste Absicht, diese meine Leidenschaft zu meinem Beruf zu machen. Es sollte aber anders kommen. Nach der Matura, zurück kommend von einem längeren Auslandsaufenthalt, galt es, die Zeit bis zum Beginn des Studienjahres zu überbrücken. Ein mit meinem Vater befreundeter Maler - Feri Zotter - bot mir an, ich könne ihm bei der Anfertigung von Bühnenbildern und verschiedenen Sgraffiti für Wiener Gemeindebauten behilflich sein. Ich nahm natürlich dankbar an, schien es mir doch eine gute Gelegenheit zu sein, einen raschen Einstieg in die Berufspraxis eines Malers zu finden. Ich kletterte viel auf Baugerüsten herum, kratzte Feri Zotters Entwürfe in frische Putzschichten, malte großflächige Hintergrundprospekte und bastelte aus auf Rahmen gespanntes Leinen Wände für Bühnenräume. Nachdem Feri sich aus Gesundheitsgründen zurückziehen musste, übernahm ich seine Agenden. So wurde ich für einige Zeit Bühnenbildner der Burgenländischen Landesbühne.


Wie es dazu kam, dass ich dann doch Architektur studierte? Vielleicht brachte mich  der einen ganzen Sommer dauernde Aufenthalt auf der Baustelle in Simmering darauf. Vielleicht auch die Erfahrung, wie aufregend das Ausdenken von Bühnenräumen sein konnte, sicher aber auch die Vorstellung, als Architekt weiterhin zeichnen und malen zu können. Mein Studium finanzierte ich durch regelmäßige Arbeit in Architekturbüros. Kurz vor Studienabschluss begann ich bei einem Landschaftsplaner zu arbeiten, der durch sein Akquisitionsgeschick auch zu Planungsaufträgen für Hochbauten gekommen war und gerade begonnen hatte, eine kleine Architekturabteilung aufzubauen. Hier hatte ich als gerade frisch Diplomierter das Glück, sehr bald schon als allein verantwortlicher Projektarchitekt kleinere, aber auch mittel­große Bauten nicht nur zu entwerfen, sondern auch, mit Unterstützung eines kleinen Teams, die gesamte Planung erstellen und vor Ort auch die Ausführung begleiten zu können. Diese Erfahrung prägte entscheidend meine Vorstel­lung davon, wie ich als Architekt arbeiten wollte.


Die Gründung meines eigenen Büros verzögerte sich, fand ich mich doch in einem scheinbar kaum auflösbaren Dilem­ma: Einerseits konnte ich mir keine andere Art zu arbeiten vorstellen, als den gesamten Prozess der Entwicklung eines Projektes, von den ersten Skizzen bis zur Fertigstellung, nicht nur zu steuern sondern auch operativ, in allen Phasen aktiv gestaltend, tätig zu sein - genau so, wie ich es bei meinen ersten realisierten Bauten erlebt hatte. An­dererseits hatte ich immer wieder beobachtet, wie zeit - und kräfteraubend die Akquisition neuer Projekte, die Bau­herrenbetreuung, aber auch die organisatorisch - kaufmännische Führung eines Büros tatsächlich sind. Für die eigent­liche Architektenarbeit bleibt dann oft nur wenig Zeit und Energie übrig.


Die Gelegenheit zur Bürogründung bot sich Mitte der 1980iger-Jahre. Ich hatte in den Jahren davor Heinz Neumann als einen begabten Akquisiteur kennen gelernt, der über ein weitverzweigtes Netzwerk in Wirtschaft und Politik ver­fügte. Er beabsichtigte, sich von seinem damaligen Partner zu trennen und schlug mir vor, gemeinsam ein Büro zu gründen. Er wolle sich um die Auftragsakquisition und kaufmännisch - organisatorische Belange kümmern. Mein Part wäre es Wettbewerbe zu machen sowie die Entwicklung und Umsetzung der Projekte. Das war der Ursprung von "Neumann und Partner". Wir begannen zu zweit ohne Mitarbeiter, ich zeichnete Wettbewerbe und Heinz bemühte sich um neue Projekte. Drei hintereinander gewonnene Wettbewerbe und einige andere Aufträge ließen uns schnell auf eine beachtliche Bürogröße mit mehr als 30 Mitarbeitern anwachsen, mit weiter stark steigender Tendenz. Ich musste erkennen, dass ich nicht mehr, wie ursprünglich beabsichtigt, alle Projekte allein gleich intensiv betreuen konnte, wir uns zwangsläufig arbeitsteiliger organisieren mussten. Wir waren einfach zu groß geworden für meine Vorstellung davon, wie ich Architektur entwickeln wollte. Da Neumann andere Organisationskonzepte verfolgte beschloss ich, das so rasch erfolgreich gewordene Büro ihm zu überlassen und auszuscheiden. Die Firma "Neumann und Partner" würde auch ohne Partner ihren Weg machen, der allerdings nicht der meine war. Wir trennten uns im Einvernehmen, blieben in losem Kontakt, und ich eröffnete mein eigenes, kleines Architekturbüro.


Zwei Jahre später, "Neumann und Partner" waren inzwischen - weiterhin ohne Partner - zu einem der Wiener Groß­büros herangewachsen, schlug mir Neumann vor, einen neuerlichen Versuch eines gemeinsamen Büros zu machen. In diesem sollte  ich meine Vorstellungen von Büroorgani­sation umsetzen. Im Falle von Auftragslücken würde er von ihm akquirierte Projekte an unser Büro abgeben. So machten wir das dann auch. Wir gründeten das Gemeinschaftsbüro "Neumann & Steiner", das ich, neben meinem weiter laufenden kleinen Architekturbüro, allein führte. In diesen beiden Büros wurden die meisten meiner Projekte entworfen und realisiert. Heinz führte weiterhin, unabhängig davon, sein Groß­büro "Neumann und Partner".


Das "Wettbewerbsglück" sollte mir auch weiterhin treu bleiben, sodass ich immer wieder vor der Wahl stand zu expandieren oder die Übernahme von Aufträgen abzulehnen um ein unerwünsch­tes Bürowachstum zu vermeiden. Es ist mir in den folgenden Jahren zwar nicht immer leicht gefallen Aufträge abzulehnen, im Rückblick auf die von mir realisierten Bauten fühle ich mich aber darin bestätigt, den richtigen Weg gewählt zu haben. Auf diesem standen mir im Laufe der Jahre zahlreiche Mitarbeiter zur Seite, ohne deren Unterstützung keiner meiner Bauten realisiert worden wäre.


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