Prägende Wohnerfahrungen (2020)

Ich bin in einer Zinskaserne eines Wiener Arbeiterbezirkes aufgewachsen. Unsere Wohnung war klein, obschon sie zu den größeren zählte und auch insofern privilegiert war, als sie das WC und einen Wasseranschluss in der Wohnung hatte. Die meisten im Haus hatten das nicht. Die Küchen hatten nur ein Fenster hinaus zum Erschließungsgang. Unterhaltungen zwischen den Wasser von der Bassena (Wasserzapfstelle am Gang) Holenden und den gerade Kochenden, über das geöffnete Fenster hinweg, waren häufig. Gleichsam eine großstädtische Form des Tratschens am Dorfbrunnen.


Als ich etwas größer war, besserte ich mein Taschengeld durch das Austragen der Sonntagszeitung in die umliegenden Häuser auf. Ich brachte die Zeitungen hinauf in die Wohnungen und kassierte manchmal von Gutgelaunten ein schmales Trinkgeld. Nicht selten wurde ich unfreiwilliger Zeuge morgendlicher Streitigkeiten.


Die Wohnverhältnisse waren beengt. Oft schliefen die kleineren Kinder im elterlichen Schlafzimmer, die größeren im Wohnzimmer. Ein eigenes Schlafzimmer zu haben, war ein unvorstellbarer Luxus. Rückzugsorte gab es daher nicht, man lebte eng, sehr eng zusammen. Der einzige Ort, an dem man für sich sein konnte, war das WC am Gang. Von daher leitet sich wohl die Bezeichnung "Stilles Örtchen" her und der dortige, möglichst lange Aufenthalt als "Sitzung". Aber auch dort war man nicht vor Störung sicher, den diese Toiletten mussten auch mit anderen Wohnungen geteilt werden. Das alles klingt ein wenig nach "Schwarzer Kitsch",beschreibt aber die Wohnrealität vieler in den Wiener Zinskasernen jener Zeit, deren schmucke Gründerzeitfassaden an den Straßenfronten die dahinter hausende Armut verbergen sollten.


DER BLICK IN DIE HINTERHÖFE


Ich aber hatte das Glück, alles ganz anders erleben zu dürfen. Das Wohnzimmer, in dem ich und meine Schwester auf Ausziehbetten schliefen, hatte ein unüblich großes Fenster in den engen Lichthof, in welchen sich unter normalen Umständen kein Sonnenstrahl verirren hätte können. Allerdings hatten Bombentreffer in den letzten Kriegswochen die in ungefähr acht Meter Entfernung gegenüber liegenden Häuser zerstört, welche danach vollständig abgerissen worden waren. Da öffnete sich ein weiter Blick bis zu den Bergen des Wienerwaldes und auf die breite Gleistrasse des nahe liegenden Güterbahnhofes. Ich verbrachte ganze Nachmittage auf der Fensterbank in der Westsonne sitzend, träumte vor mich hin, las oder lernte. Großartig aber war es, wenn es mir gelang, vom Hausmeister den Schlüssel für den Dachboden auszuleihen, wo man die Wäsche zum Trocknen aufhängen konnte. Denn über eine kleine Stahltüre konnte man auf ein davor liegendes, das Treppenhaus bedeckendes Flachdach hinaus treten. Ich schaute ungehindert hinweg über viele Dächer und hinauf in den freien Himmel. Heute steht dort wieder ein hoher Neubau, der Blick in die Weite ist verschwunden.


Wenn ich damals hinunterschaute in den Lichthof, konnte ich manchmal Ratten sehen, die nach Essensresten in den Müllgefäßen suchten. Älter geworden, durfte ich ins Kabinett übersiedeln, dessen Fenster in einen anderen, gleichfalls sehr engen Lichthof orientiert war. Dort gab es keinen Blick in die Weite. Die Fenster der gegenüber liegenden Wohnungen rückten sehr nahe heran und damit auch der manchmal unvermeidbare Einblick in fremdes Familienleben.


Einen Stock tiefer wohnte ein kinderloses Ehepaar. Über den Mann wurde im Haus gemunkelt, er sei ein Zwitter. Ich verstand zwar nicht was das bedeutete, die gesenkte Lautstärke der am Gang Tratschenden, wenn sie bemerkten, dass ich zuhören konnte, vermittelte aber, dass es sich wohl um etwas Unanständiges handeln musste. In meinem Lexikon "Die Welt von A bis Z" fand ich dann darüber keinen Eintrag. Auch in dem dicken Band mit dem braunen Leineneinband "Ehe, Familie und Heim" war darüber nichts zu finden. Dieses Buch hatten meine Eltern, als sie meinten, jetzt sei die Zeit gekommen mich aufzuklären, unkommentiert in den winzigen Bücherkasten gestellt, auf dem unser Ingelen-Radioapparat - der mit dem im Betrieb grün aufleuchtenden magischen Auge - repräsentativ thronte. Zu meiner großen Enttäuschung war darin sehr viel darüber zu lesen, wie man sein neues Heim bei Familiengründung wohnlich und zugleich praktisch einrichten konnte, wie lange eine Verlobungszeit zumindest dauern sollte, allerlei Spielregeln für Kartenspiele, über Kinderkrankheiten und Hausmittel und vieles andere, was einen heranwachsenden Knaben mit Sicherheit nicht interessieren konnte. Dort aber, wo es interessant zu werden begann, zum Beispiel beim Kapitel über Geschlechtskrankheiten, erfuhr ich viel darüber, wie man das behandeln könne, aber nichts, ganz und gar nichts darüber, auf welche Weise man diese bekam. Da wurde die Sprache verschwommen und mein Wissensdurst blieb unbefriedigt. Bilder gab es viele in diesem dicken Wälzer, nur nicht jene, denen meine Suche galt. Die einzige nackte Frau, die es zu sehen gab, gehörte zu einer Demonstrationstafel. Man konnte den Brustkorb aufklappen und damit den Blick auf die inneren Organe freilegen. Das wirkte dann wie die aus Wachs geformten anatomischen Präparate im Wiener Josephinum.


Auch mein neugierig, indiskreter Blick, schräg hinunter in die Wohnung des "Zwitters", brachte keine Aufklärung. Den etwas dicklichen Mann sah ich immer nur im weißen "Ruderleiberl". Dafür aber seine Frau, mit ihrem weiß glänzenden, alles bedeckenden Büstenhalter.


DAS TREPPENHAUS


Unser Zinshaus gehörte zu den besseren. Hier wohnten Handwerker, Kleingewerbetreibende, kleine Beamte und "Postler". Das Treppenhaus war repräsentativ, mit einer weit ausschwingenden, gekrümmten Treppe. Stand man im obersten Stock ans Geländer gelehnt, so verlor sich der Blick hinab durch das breite Treppenauge in der dunklen Tiefe unterer Geschoße. Der dicke, hölzerne, auf das Geländer aufgesetzte Handlauf, war im Meterabstand mit aufgesetzten Kugeln bestückt. Das sollte nicht nur hübsch aussehen, sondern wohl auch wirksam uns Kinder daran hindern, das Geländer hinunterzurutschen. Einige Tollkühne entdeckten, dass die Kugeln abschraubbar waren und versuchten ihr Glück.


Vor allem aber war das Treppenhaus ein zentraler Ort der Kommunikation. Man traf sich zwangsläufig beim Hinauf- und Hinuntergehen, Aufzug gab es keinen. Auf den breiten Hauptpodesten gab es kleine, in die Horizontale herabklappbare, halbkreisförmige Gitter aus Schmiedeeisen. Das war praktisch, denn so konnte man beim Weg hinauf nach dem Einkaufen, die schweren Taschen dort abstellen und für eine kurze Rast Halt machen. Vorbeikommende blieben stehen und nutzen gerne die Gelegenheit für einen kurzen Plausch.


Man redete damals miteinander in diesen Häusern, jedenfalls viel mehr als heutzutage. Telefonapparate hatten die wenigsten und wenn, dann waren das zumeist nur sogenannte "Viertelanschlüsse". Da nutzten vier Haushalte einen einzigen Anschluss. Wenn einer telefonierte, signalisierte das in den anderen drei Wohnungen am großen schwarzen Anschlusskasten eine weiße Scheibe. Wenn man telefonieren wollte, musste man oft warten und immer wieder nachsehen, ob der Anschluss endlich nicht mehr besetzt war. Das konnte mühsam sein. Trotzdem war das für meine Familie eine große Sensation, wie wir in den 1960er-Jahren endlich so ein Vierteltelefon bekamen.


In den Jahren nach dem großen Krieg war auch der öffentliche Raum - die Gasse - noch ein zentraler Ort der Kommunikation, jedenfalls für uns Kinder. Autos waren auf unseren Straßen in der Brigittenauselten zu sehen, Pferdefuhrwerke schon eher. Wir trafen uns in der Gasse zum Ballspielen - vorzugsweise "Servierer" - Wettkämpfen im "Kugelscheiben" oder "Anmäuerln" oder einfach nur um herumzustehen und miteinander zu reden. Wenn die "Krampus-Zeit" nahte, waren die von den "Gassenkindern" belebten Straßen allerdings ab Einbruch der früh einsetzenden Dunkelheit wie leergefegt. Dann gehörte der öffentliche Raum den "Halbstarken", also den Jugendlichen, die sich bandenartig organisierten. Die waren das ganze Jahr über dort sichtbar, wurden aber in der Regel nur durch ihre Uniformierung mit schwarzen Lederjacken und gelegentliche Raufereien untereinander auffällig. Sie gehörten als "Eckensteher" zum Straßenbild. Zu "Krampus" änderte sich das. Kettenbewaffnet und maskiert zogen sie lärmend durch unsere Gassen und verfolgten auch so manchen nach der Arbeit heimkehrenden Erwachsenen.


Auch zu uns ins Haus kam der Krampus und machte seine Runde. Er begann im Erdgeschoß. Die Familien versammelten sich neugierig auf den Hauptpodesten des Treppenhauses in allen Geschoßen, um das Geschehen zu verfolgen. Seinen Besuch kündigte er durch kräftiges Schlagen mit Eisenketten gegen die Eingangstüren an. So zog er von Wohnung zu Wohnung und verbreitete Angst. Wir hörten weinende Kinder, das Schlagen der Ketten und das Näherkommen des Krampus. Meine Schwester und ich begannen zu weinen und versteckte uns in der Wohnung. Allerdings ersparten unsere Eltern sich und uns die Konfrontation und öffneten nicht die Eingangstüre, als der Schrecken verbreitende Geselle mit seinen Ketten dagegen schlug. Nach einer uns endlos erscheinenden Zeit versiegte der Lärm allmählich im Treppenhaus. Wir gingen hinaus zu den verbliebenen Erwachsenen, die noch lange zusammenstanden, das Erlebte beredend.


DER KELLER


Zu den Schreckensorten meiner Kindheit gehörte der Keller. Alljährlich wurden dort vor Wintereinbruch Brennmaterialien für unseren im Wohnzimmer aufgestellten Dauerbrandofen eingelagert. Dieser hatte die gesamte Wohnung zu beheizen, abgesehen von der Küche, in welcher das Kochen auf dem Gasherd für zusätzliche Wärme sorgte. Das Temperaturgefälle in unserer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung war groß, trotz immer geöffneter Türen, sodass im Winter der Platz am Ofen Zentrum des Familienlebens war.


Als ich groß genug geworden war, die schweren, randvoll gefüllten Kokskübel zu uns hinauf in den 2. Stock zu schleppen, wurde mir diese Aufgabe übertragen. Zuvor hatte das immer meine Mutter erledigt, die mich als Begleiter in den Keller mitnahm, wo das Brennmaterial eingelagert war. Dort lernte ich ihr Ritual kennen, das sie immer beim Eintritt abspulte.


Die Rattenplage in der Umgebung war in den Nachkriegsjahren groß und machte natürlich auch vor unserem Hauskeller nicht Halt. Überall waren Rattenköder ausgelegt, deren Wirksamkeit jedenfalls fraglich war, denn tote Tiere hatte noch niemand von uns gesehen. Der Lichtschalter für den Keller befand sich aus unerfindlichen Gründen in seinem Inneren, ungefähr 5 Meter von seinem Eingang entfernt. Man musste im Finsteren sich vorwagen und an der unverputzten Ziegelwand den Schalter ertasten. Diese Dunkelzone überwand meine Mutter mit heftig aufstampfenden, großen Schritten, unter wildem Schlenkern der klirrenden Lärm produzierenden beiden Kokskübel. Ich dahinter. Dieses seltsame Ritual wiederholte sie wenige Schritte vor jedem Abbiegen um die Ecken des mehrfach gewinkelten, langen Ganges. Mutters Angst vor den immer unsichtbar bleibenden Ratten übertrug sich auf mich. Später, als ich groß genug war, die Versorgung mit Brennmaterial zu übernehmen, brauchte ich Jahre, um meine Beklemmung abzulegen.


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