Corona-Text 1: Schule in Zeiten der Pandemie (30. März 2020)

Viele Eltern sitzen jetzt notgedrungen zu Hause und mühen sich, in der Heim-Quarantäne festsitzend, gemeinsam mit ihren Kindern ab, die von ihren Lehrern übermittelten Übungs-Aufgaben abzuarbeiten. Manche machen das gerne, manche auch "übergerne", eben jene, welche das schon in Corona fernen Zeiten, sehr zum Leidwesen ihrer Kinder (und auch deren Lehrer) schon immer gemacht haben. Die mehr oder weniger gebildeten "Mittelständler" werden es irgendwie aushalten, deren Kinder auch, sofern sie die gelegentlichen, überforderungsgenerierten Wutausbrüche ihr lehrverpflichteten Eltern beschädigungslos überstehen. Nicht zufällig mehren sich in den diversen Medien die Warnungen vor zunehmender Gewalt in den Familien.


Ich erinnere mich ungerne aber gut zurück an jene Zeit, da meine Kinder noch zur Schule gingen und sie, weil ihnen die Liebe zur Mathematik wohl nicht in die Wiege gelegt worden war, oft meine Unterstützung brauchten. Da saß ich dann am Wochenende bei ihnen und musste oft sehr, manchmal auch vergeblich, gegen meine aufsteigende Wut ankämpfen, wenn sie so gar nicht verstehen wollten, bzw. konnten, was ich ihnen, mehr schlecht als recht, zu erklären versuchte. Und je länger das andauerte, desto schlechter gelang es, den aufsteigenden Zorn zu verbergen. Natürlich schrie ich nicht herum, aber Kinder sind gut darin, die nonverbalen Signale ihrer Eltern zu lesen. Die Verzweiflung über meine Unfähigkeit als Lehrer war groß und sicher auch die meiner Kinder, meinen Ansprüchen so wenig zu genügen. Und - um auf den Punkt zu kommen - wenn ich dann endlich mein Ungenügen und das Ausmaß meiner Überforderung Freunden und Bekannten, von denen ich wusste, dass auch sie Kinder hatten, einbekannte: Das wurden dann oft sehr lange Gespräche. Denn zu meiner Überraschung und wohl auch zur großen Erleichterung, war die Resonanz groß, hörte ich doch von vielen, auch dort, wo ich es nie vermutet hätte, dass sie Gleiches erlebt hatten und oft nicht weiter wüssten.


Das was ich hier schildere, sind also Formen mehr oder weniger sublim zu Tage tretender, häuslicher Gewalt im gehobenen Bildungsmilieu. Was aber wird sich in den Familien der Depravierten abspielen, in jenen der Immigranten erster, zweiter und dritter Generation, wo die Eltern und Großeltern kaum der Sprache, geschweige des Deutschem mächtig, andere Interessen haben, als ihren Kindern zu guter Schulbildung zu verhelfen; in den Familien der Bildungsfernen, wo die Eltern ihren Kindern nicht zur Seite stehen können?


In unseren Schulen gibt es sicher viele, von Natur aus begabte, geborene Lehrer, die es verstehen, ihre Schüler nicht fürs Lernen, sondern für das was sie ihnen erzählen zu begeistern. Die Kinder lernen viel von ihnen ohne lernen zu müssen. Sie hören bloß zu. Das genügt. Wie bringen wir diese begnadeten Lehrer zu ihren Schülern? Muss das immer der "Klassenverband" sein, eröffnen nicht die neuen elektronischen Medien bis jetzt nie ausgeschöpfte Möglichkeiten, die Kinder zu erreichen?


Ein Gedankenspiel (und keine Utopie) in Corona-Zeiten:

Holen wir aus allen Schulen Österreichs diese begnadeten, hochbegabten, unterhaltend-faszinierend, Wissen vermittelnden Kommunikatoren und machen wir mit ihnen spannende, auf diese Persönlichkeiten fokussierte Sendungen. Nicht nur im Fernsehen. Das Internet bietet unausgeschöpfte Möglichkeiten Kinder, organisiert in beliebig großen Gruppen, zu erreichen.

Natürlich gibt es Kinder, die man nicht zum Zuhören, Zuschauen und Mitmachen drängen muss, jene, welche man ohnedies immer erreicht. Es gibt aber auch die große Zahl der Drögen, Unmotivierten. Jetzt sitzen alle zuhause, können ihre Freunde nur am Bildschirm treffen, starren in ihre Smartphones, haben Nackenkrämpfe vom endlosen Herumdrücken auf ihren Gameboys und nerven die Großen mit ihrem Gestöhne, wie langweilig ihnen sei. Absehbar ist, wie sich zuhause alle auf die Nerven gehen und ihnen "die Decke auf den Kopf fällt". Bald sind auch die obstinatesten Schulverweigerer weichgeklopft und hungrig nach Abwechslung. Hungrig nicht nach dem Ersatzunterricht mit 40 heruntergeladenen A4-Seiten, die man via E-Mail vom Klassenlehrer bekommen hat und dann mit den Eltern - so sie das überhaupt können - durcharbeiten muss. Denn es herrscht ja nach wie vor Schulpflicht!


Machen wir doch endlich gar keinen Unterricht. Nämlich jener langweiligen Art, die offenbar auf künftiges Leid in der Arbeitswelt unsere Kinder vorbereiten und wohl auch für dieses zurichten soll. Sie suchen ja begierig ihre Vorbilder in den Medien und "folgen" ihren Influenzern, und seien diese noch so dümmlich, was jedoch nichts über die Dümmlichkeit der "Follower", sondern nur viel über ihren Hunger nach Vor- und Leitbildern aussagt. Nützen wir diesen elementaren Hunger.

Holt diese tollen Vorbilder aus der Lehrerschaft vor die Kameras und lasst sie ihr Ding machen. Naturgemäß ist nicht jeder im Klassenzimmer Begeisternde vor dem leblosen Objektiv ein faszinierender Performer. So macht eben Castings. Warum nur fürs Kino und das Theater? Wenn Schule erfolgreich über die elektronischen Medien laufen soll, braucht es dafür auch professionelles Casting. Dann wird es auch hohe Einschaltziffern geben. Diese Art von Schule braucht nicht zehntausende, hochschulgeprüfte Lehrer mit akademischen Titeln, sondern von ihren Themen Begeisterte, die das auch "über die Bühne bringen" können. Ein paar hundert werden genügen. Und seien wir doch ehrlich: Viel mehr wirklich gute, dafür geeignete Lehrer wird es ohnedies nicht in Österreich geben. Die anderen können ja dann auch andere Aufgaben übernehmen, oder bei vollen Bezügen ihren wahren Neigungen nachgehen und damit einen wertvolleren Beitrag zum Wohl der Gesellschaft leisten, als ihre Lebenszeit und die ihrer Schüler damit zu vergeuden, in unwillige Gehirne Wissen eintrichtern zu wollen, das ungewollt und unverdaut nach mehr oder weniger gut durchstandenen Prüfungen am anderen Ende ehebaldigst entsorgt wird. Was allerdings die Lehrergewerkschaft dazu meinen wird, möchte ich mir nicht anhören müssen.