Corona-Text 2: Die gefährdete Zitadelle der Freiheit (1. April 2020)

Wie instabil die Hierarchie unserer Werte ist, wird uns in diesen Tagen im weltweiten Großversuch vorgeführt. Noch vor kurzem hätte kaum einer von uns sich vorstellen können, wie nahezu reibungslos individuelle Freiheitsrechte aufgegeben werden zugunsten des höchsten Gutes, das offenbar unser Leben ist. Um nicht missverstanden zu werden, auch ich meine, das ist alles in Ordnung. Trotzdem bin ich besorgt.


Gab es da nicht ein Überwachungspaket, das trotz großer Kritik im Eilzugstempo beschlossen - und Gott sei Dank funktioniert noch unser Rechtsstaat - dann vom Höchstgericht größtenteils wieder aufgehoben wurde? Entspricht nicht die ungehinderte, rasche Beschlussfassung im Parlament der Bereitschaft großer Teile unserer Bevölkerung auf den Schutz unserer privaten Sphäre zu verzichten? In Zeiten diverser Entblößungen auf Facebook mit Selfies und in TV-Reality-Shows nicht überraschend. Der Verzicht ist bereits eingeübt und fällt leicht.


Der geschützte private Raum - und dies durchaus auch im engen Wortsinn - dieser Ort von Geheimnissen, ist jedoch nicht nur für die erfolgreiche Individuation von Kindern Voraussetzung. Wo nicht vorhanden, nimmt die Psyche der Heranwachsenden großen Schaden. Wie wichtig dieser geschützte Raum jedoch auch für den Erwachsenen ist, kann sich jeder sicher gut vorstellen. Man denke etwa nur daran, welch psychisches Trauma ein gewöhnlicher Wohnungseinbruch auslösen kann, selbst dann, wenn der materielle Schaden klein ist.


Die private Sphäre ist eben die Zitadelle der Freiheit, ohne deren Festungsmauern sind wir ohne Schutz. "My home is my castle" gilt auch im übertragenen Sinn!