Corona-Text 5: Über die trügerische Freiheit im Home-Office
(in "Die Presse" v. 7. September 2020)

Es ist nicht überraschend viel darüber zu lesen, wir müssten uns jetzt in der Corona-Krise darauf einstellen, das Arbeiten im "Home-Office" nicht nur als Notlösung in Zeiten des "Lockdowns" zu sehen. Viele hätten jetzt die Vorteile dieser Arbeitsform erlebt und verzichteten nur mehr ungerne darauf. Selbstbestimmt, mit freier Zeiteinteilung sich die Arbeit organisieren zu können, dann zu unterbrechen, wenn es passt und fortzusetzen, je nach Laune oder Möglichkeit, wären Vorteile, die zu schätzen man gelernt habe. Dem gehöre im digitalen Zeitalter die Zukunft der Arbeit.


Man muss da genauer hinschauen, wer denn eigentlich jene sind, welche uns da etwas vorschwärmen von einer neuen, schönen Welt der Arbeit. Waren nicht auch ganz anders getönte Berichte zu hören? Etwa Klagen darüber wie belastend es sei, neben den spielenden oder andauernd mit ihren Wünschen und Fragen unterbrechenden Kindern, sich noch letzte Reste von Konzentrationsfähigkeit abzuringen; oder dass man abends fix und fertig gewesen sei, oder - andersherum - erst in der Stille der Nacht in Ruhe die anstehende Arbeit erledigen konnte. Auch darüber, wie überrascht man gewesen sei am Monatsende festgestellt zu haben, wie viele Bürostunden da eigentlich zusammengekommen waren. Aber auch, dass viel mehr weitergegangen wäre, als man früher im Büro erledigt habe.


Und was ist mit dem dazwischen eingestreuten Büroplausch in der Teeküche, dem bruchstückhaft, unfreiwillig mitgehörten Telefonat, bei dem ich mitbekomme, dass die Frau des Arbeitskollege schwer krank ist. Kurzum, was bleibt übrig von diesen zahlreichen, informellen, sozialen Kontakten? Können, sollen wir darauf verzichten, müssen wir? Werden aus den Betrieben in Zukunft - so wie bereits seit langem - nicht nur einzelne Produktionsschritte, sondern auch die offenbar als unwesentlich für den Unternehmenserfolg betrachteten sozialen Beziehungen ins sogenannte Privatleben outgesourct? Obsiegt also endgültig der Taylorismus?


In der Industrieproduktion, bis in das 20. Jahrhundert herauf, war der sogenannte Stücklohn, also die Bezahlung nach der messbaren "Arbeitsleistung", dank der Gegenmacht von Gewerkschaften, nur teilweise durchsetzbar. Dieser Stücklohn war ein Vorläufer der "Werkverträge", die heute in vielen, meist hochqualifizierten Bereichen der Arbeitswelt weit verbreitet sind. In den letzten Jahrzehnten ist durch die Weiterentwicklung vor allem der digitalen Transportmöglichkeiten ein rasch expandierender, globalisierter Arbeitsmarkt entstanden. Auf diesem konkurriert eine Überzahl ihre Arbeitskraft Anbietender. Voneinander wissen sie nur als Konkurrenten und kennen oft nicht ihren Wert. Die Vereinzelung dieser Anbieter hindert sie an der Absprache mit den anderen sich um den Auftrag Bewerbenden.


Historisch gesehen, sicherte à la longue die Organisation der sogenannten "Arbeitnehmer" in mächtigen Gewerkschaften den einzelnen gegen "Lohndumping". Heute sieht sich der euphemistisch zum Unternehmer geadelte "Heimarbeiter" oft einer Übermacht der Arbeit Vergebenden ausgeliefert, ohne eine gerechte Chance auf Verhandlung des Preises. Da die Bezahlung der bedungenen Leistung an den "Arbeitserfolg" gebunden ist, liegt das Risiko für die erfolgreiche Lieferung ausschließlich beim "Heimarbeiter".


Hier geht es gar nicht um die in Bangladesch, bis weit hinein in die Nächte, in der überbelegten Einraum-Wohnung an der Nähmaschine, für einen Spottpreis Schutzmasken, oder T-Shirts für den europäischen Markt Produzierenden. Denn ohne diesen ausbeuterisch kargen Lohn hätten sie gar nichts, um den Unterhalt ihrer Familien bestreiten zu können. So können sie zumindest überleben. Und die Statistiken zeigen uns, dass auch diese Form global organisierter Arbeit, letztlich weltweit den Wohlstand der Ausgebeuteten mehrt. Wie das allerdings unter dem Gesichtspunkt der Verhältnismäßigkeit moralisch zu bewerten ist, ist eine andere Frage, die hier nicht erörtert werden soll.


Weitgehend unbemerkt - jedenfalls von den gestaltenden Kräften der Politik - ist ein Heer von prekär in Werkvertragsverhältnissen Beschäftigter entstanden, die ihre Arbeit mit eigenen Betriebsmitteln, oft zuhause, oder im Zusammenschluss mit anderen in gleicher Lage, verrichten. Da geht es nicht um Minder-, sondern oft Hochqualifizierte, zum Beispiel in den Bereichen Design, Webdesign, Grafik, Fotografie, Architektur, um Eventmanager, Stilberatern, Kosmetiker, Makeup-Spezialisten usw. Die Entstehung dieser großen Zahl von (zumeist) Einpersonen-Unternehmen wird von wirtschaftsnahen Regierungen gerne als großer Erfolg gefeiert. So ist in den letzten Jahrzehnten die Liste der möglichen und registrierten Berufe überraschend umfangreich geworden. Dieses Wachstum ist natürlich auch dem eingangs erwähnten, wieder modern gewordenen "Taylorismus" geschuldet, also der Aufteilung eines komplexen Produktionsprozesses auf kleine, in sich abgeschlossene, und daher gut steuer- und bewertbare Einzelteile oder Teilbereiche. Das, was bisher im selben Unternehmen, gleichsam ganzheitlich und vollständig produziert wurde, wird jetzt in diese Splitter geteilt und outgesourct. Im Idealfall dieses Modells besteht die verbleibende Kernkompetenz darin, die Aufteilung und Wieder-Zusammenführung zu organisieren; die Produktion wird ausgelagert an die jeweiligen Billigst-Anbieter, daher dort, wo das technisch möglich ist, auch weltweit verteilt. So sind global organisierte Lieferketten auch in Bereichen entstanden, wo man es kaum vermuten würde.


Zur Verdeutlichung ein Beispiel aus der Welt der Immobilienentwickler:

Ein Projektentwickler in London hat gehört, der norwegische Staatsfond suche nach Anlagemöglichkeiten in österreichischen Immobilien. Er beauftragt einen bis in die Spitzen der Wiener Stadtverwaltung gut vernetzten Makler, nach geeigneten Liegenschaften für die Errichtung eines Einkaufszentrums Ausschau zu halten. Im Erfolgsfall gibt es eine Provision. Dieser erfährt über seine Kontakte in der Wiener Stadtplanung von einer in den nächsten Jahren freiwerdenden, großen Liegenschaft und beauftragt einen Marktforscher, selbstverständliche zum Pauschalpreis, mit der Erstellung einer Machbarkeitsstudie. Die soll untersuchen, ob Bedarf da wäre und wie groß etwa die Verkaufsflächen sein sollten. 


Das Ergebnis ist positiv. Damit er schon mit der ersten Vorstellung der Studie den Projektentwickler vom Standort überzeugen kann, muss diese professionell von einem Grafiker aufbereitet werden. Die Präsentation muss sofort einschlagen, denn inzwischen ist schon einiges an Kosten zusammengekommen. Wenn er noch weitere alternative Standorte suchen und qualitätsvolle Präsentationen ausarbeiten muss, wird von der Erfolgsprovision nicht viel übrig bleiben. Er kennt einige begabten Grafiker, die ihm die Ausarbeitung pauschal anbieten. Lieferung in 2 Wochen, da der Flug nach London bereits gebucht ist. Die Nichteinhaltung des Abgabetermins ist pönalisiert. Den Zuschlag erhält natürlich der Billigstbieter. Sein Auftraggeber bringt immer wieder neue Änderungswünsche vor, die viel Zeit kosten. Der Abgabetermin rückt immer näher. Er ruft daher einen anderen Grafiker an, der ihm manchmal aushilft, wenn die Zeit bis zum Liefertermin zu knapp wird. Mit diesem vereinbart er gleichfalls einen Pauschalpreis für die ca. 40 Stunden, die er ihm helfen soll. Was er noch nicht dazugesagt hat ist, dass die Abgabe in 48 Stunden ist. Das wird der Helfer erst merken, wenn er mit der Arbeit begonnen hat und die Nächte lang geworden sind. Er ist noch jung und nimmt diese große Anstrengung, ohne Protest, als zu bewältigende Herausforderung auf sich und ist am Ende stolz darauf, dass sie die Fertigstellung rechtzeitig geschafft haben. Für die anstrengende Nachtarbeit wird er allerdings viel zu wenig bezahlt bekommen haben und einige Tage der Regeneration brauchen, bis er sich wieder arbeitsfähig fühlt.


Der Makler fliegt nach London, präsentiert mit Erfolg, der Projektentwickler ist begeistert. Was der Makler noch nicht wissen kann ist, dass der Entwickler auch noch andere zu gleichen Konditionen beauftragt hat und aus seinem Vorschlag nichts werden wird. Provision wird es daher keine geben.


Ein Jahrzehnt und viele vergebliche Anläufe auf verschiedenen Grundstücken später, wird es zu einer Projektrealisierung kommen. Der beauftragte Architekt wird in seinem Büro viele Entwürfe machen, bis endlich einer von diesen das Realisierungsstadium erreichen wird. Auch er hat bis zu jenem Zeitpunkt noch wenig verdient, sein bisheriger Aufwand ist kaum gedeckt. Die Ausführungspläne wird er pauschal an ein Architekturbüro in Pakistan vergeben, das aufgrund des wesentlich geringeren Lohnniveaus sehr billig angeboten hat. Die Pläne bekommt er zur Kontrolle digital übermittelt, notwendige Änderungen tragt er direkt am Bildschirm ein, fast zeitgleich sieht das sein Gegenüber jenseits des Ozeans. An die Bildschirmkonferenz haben sich alle Beteiligten längst gewöhnt. Auch die Statikpläne werden im Ausland gemacht, nicht sehr weit von Wien entfernt. Zwar wurde an ein Wiener Büro vergeben, das aber in der Slowakei, nach dem gleichen Muster, wie bisher aufgezeigt, dort billig produzieren lässt.


Es ist die Frage zu stellen, wer die Verlierer bei dieser Form der Organisation von Arbeit sind. Vereinfacht formuliert sind es jene, die eher am unteren Ende dieser komplexen Liefer- und Produktionsketten wirken. Dort finden wir regelmäßig prekäre, im besten Fall selbstausbeuterische Beschäftigungsverhältnisse, oft im nahezu rechtsfreien Raum. Einzelkämpfer, deren einziges Betriebskapital ihre Arbeitskraft und deren Büro dort ist wo sie wohnen. Wer Gewinner sein möchte muss danach trachten, sich in den oberen Bereich der Wertschöpfungskette hinauf zu kämpfen. Das gelingt vor allem jenen, die wenig Bedenken haben, den eigentlich wertgenerierenden Teil der Produktion auszulagern an jene, die entweder zu ungeschickt und skrupulös, oder an ihrer Arbeit selbst interessiert sind und daher die Ausbeutung in Kauf nehmen.


In diesem System wird die tatsächliche Entscheidungs- und Gestaltungsmacht aus dem Gefüge der Produktion heraus verlagert, hinüber zu den Kapitaleignern. Ein Machtgefüge, dass nicht von ungefähr an die Produktionsbedingungen früher Industriegesellschaften erinnert, lange bevor die zunehmende Organisation der eigentlich wertschöpfend Produzierenden in Gewerkschaften und die Verrechtlichung der Arbeitswelt eine Gegenmacht aufbauen konnten.


Die aktuell "coronabedingt" und aus der Not geborene Verlagerung der Arbeit, der bisher im sozialen Gefüge von Betrieben Eingebundenen, ins "Home-Office" wurde auch schon früher als kostensparender Faktor erkannt. Büroflächen und Betriebskosten können reduziert werden. Noch wesentlicher ist aber die schon seit langem Kostenanalytikern gut bekannte höhere Produktivität, selbstbestimmt in Heimarbeit Werkender. Diese beruht aber im Regelfall auf einem Trugschluss. Betriebe, die bisher zur Kontrolle des Stundenaufwandes ihre Mitarbeiter Stundenlisten schreiben ließen, mussten nach Übergang zur Erfassung des Zeitaufwandes durch Stechuhren, zu ihrer Überraschung ein sprunghaftes Ansteigen der so registrierten Arbeitsstunden feststellen. Davor hatten Mitarbeiter, möglicherweise mehr oder weniger bewusst, einen Zeitabzug vorgenommen. Etwa für private Telefonate, den informellen Plausch in der Teeküche, die Rauchpause, vielleicht unbewusst auch einen Abzug von Zeit für jene Arbeitsphase, wo einfach nichts weitergegangen war, weil man abgelenkt, unkonzentriert oder überhaupt etwas ganz falsch gemacht hatte. Alle diese in der Eigenwahrnehmung scheinbar unproduktiven Phasen des Arbeitstages werden bei Mitarbeitern, die mit ihrer Arbeit gut identifiziert sind, oft auch unbewusst, als "Auszeit" qualifiziert. Arbeitspsychologen wissen aber, dass diese scheinbaren Leerstellen im Arbeitsprozess durchaus produktiv sein können und letztlich unverzichtbar sind.


Schon vor einem halben Jahrhundert experimentierte die "IBM", obwohl damals die Notebooks und Mobiltelefone noch nicht vorhanden waren, erfolgreich damit, dem mittleren Management im Bedarfsfall Arbeiten im "Home-Office" nicht nur zu gestatten, sondern dies auch zu fördern. Wenn keine Interferenz mit familiären Aufgaben, wie etwa der Kinderbetreuung, störend als Stressor wirkt, wird von vielen die freie Zeiteinteilung, der relativ frei gestaltbare Wechsel von Arbeit und Freizeit, als vorteilhaft erfahren und begrüßt. Und bei der inzwischen großen Zahl von Singlehaushalten oder kinderlosen Paaren in Großstädten sind das wirklich viele.


So kann dieser immaterielle Zugewinn  zum materiellen Gewinn des die Arbeit verteilenden Unternehmers werden. Seinem Angestellten im Home-Office bleibt als Mehrwert ein neues Gefühl der Freiheit. Allerdings ist dieser Zugewinn oft erkauft mit dem Verlust der Einbettung in das  informelle, soziale Gefüge am bisherigen gemeinsamen Arbeitsort und eventuell zunehmender Vereinsamung.


Hier interessiert aber auch ein Aspekt, der bisher in der Diskussion dieser neuen Arbeitswelt kaum beachtet wird, obwohl seine Auswirkungen gravierend sind. Die Vereinzelung als Ergebnis der Herauslösung des nunmehrigen "Heimarbeiters" aus dem sozialem Bezugsnetz der "Betriebsgemeinschaft" kann nicht nur zu Entsolidarisierung, sondern auch zu Verschiebungen in der Machtbalance führen. Erfolgreiche Betriebsleiter mussten bisher immer darum bemüht sein, mit ihren Anweisungen auch dem jeweiligen Unternehmensziel entgegen stehende Interessen einzelner Mitarbeiter soweit wie möglich zu berücksichtigen. Ein unachtsamer Umgang mit diesen Befindlichkeiten konnte schnell zu Solidarisierungseffekten und Konflikteskalation führen und damit das Erreichen von Produktionszielen gefährden. Daher gehörte das möglichst respektvolle Aushandeln von Interessenskonflikten zum Alltag unserer Arbeitswelt.


Wenn allerdings das "Home-Office zum Regelfall wird, kann man sehr schnell in jener neuen Realität ankommen, die ich in meinem Beispiel aus der Genese von Architekturprojekten beschrieben habe. Dann erwiese sich der verführerische Slogan von der neuen "Freiheit der Arbeit" bald für so manchen als trügerischer Euphemismus.