Corona-Text 6: Das erstaunliche Ignorieren technischer Lösungsansätze zur Bewältigung der Corona-Krise (in "Die Presse" v. 15. September 2020)

Ursachen für das überraschende Ausmaß des Lockdowns


Die "Coronakrise" hat ein gesteigertes Bewusstsein für Infektionsrisiken geweckt. Allerdings sollte man die Auswirkungen auf konkretes, wirklich sinnhaftes Handeln nicht überschätzen. Die unzweifelhaft vorhandene, massive Bedrohung aktiviert bereits latent vorhandene, diffus lähmende Ängste, die vielfältige Ursachen haben können. Diese reichen von individuellen Vulnerabilitäten bis hin zum Gefühl des Ausgeliefert-Seins an eine nicht durchschau- und verstehbare, unaufhaltsam global fortschreitende, technische - und neuerdings digitale - Zivilisation. Nicht zufällig haben schon seit langem Dystopien Hochkonjunktur, in denen diese Ängste Gestalt annehmen.


Das Grundgefühl eines hilflos Ausgeliefert-Seins generiert in der aktuellen Gesundheitskrise einerseits fatalistische Inaktivität auf individueller und gesellschaftlicher Ebene. Andererseits ist aber auch aktivistisch übersteigertes Handeln in der Sphäre der Politik zu beobachten. Die beiden einander nicht widersprechenden Haltungen ergänzen sich und ermöglichten das überraschende Ausmaß des die gesamte Gesellschaft erfassenden Lockdowns.


Technische Möglichkeiten zur Reduktion von Infektionsrisiken


Auf den ersten Blick scheint es erstaunlich, dass der Gefahrenreduktion durch Anwendung technisch-funktional orientierter Lösungsansätze bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Zwar wurde, mit zunehmender Empirie, sehr viel über das notwendige Einhalten von Abständen und Maskentragen kommuniziert als Methoden der Wahl, um Infektionsrisiken zu vermindern. Andererseits wurden aber die daraus abgeleiteten Handlungsanleitungen in der Regel nicht allgemeinverständlich ergänzt mit dem notwendigen Hintergrundwissen über die physikalischen Rahmenbedingungen der Ausbreitung von Tröpfchen und Aerosolen in der Luft. So konnte es einerseits zu seltsamen Szenen kommen mit im Freien ängstlich auf maskenbewehrten Abstand bedachten Passanten und andererseits solchen, von in Gaststätten stundenlang Verweilenden, ohne Nachfrage, ob denn die Lüftungsanlagen - wenn überhaupt vorhanden - zu ausreichender Frischluftversorgung beitragen könnten.


Es hat erstaunlich lange gedauert, bis medial die Bedeutung von Aerosolen für die Infektionsübertragung in Innenräumen registriert wurde. Noch überraschender ist jedoch, dass in der Folge nicht einmal ansatzweise Aufmerksamkeit der Frage zugewendet wird, wie man denn mit technischen Mitteln die Virenkonzentration in Innenräumen wirksam bis unter die Ansteckungsschwelle reduzieren könne. Täte man das, würde man sehr rasch erkennen, dass es darüber seit Jahrzehnten ausgereifte, und auch in vielen Bereichen angewendete, technische Lösungen gibt. Man muss dabei gar nicht nur an Operationssäle, Reinräume in Laboratorien und bei der Mikrochipproduktion denken, wo der technische Aufwand zur Sicherstellung extrem gereinigter Luft oft groß ist. In vielen Bereichen industrieller Produktion ist die Sicherstellung von gut gereinigter, von Partikeln aller Art befreiter Luft, gängige Praxis. Der Aufwand zur Bereitstellung eines zur Infektionsvermeidung ausreichenden, oftmaligen Luftwechsels und die zuverlässige Herausfilterung von Covid-19-Viren, etwa durch H14-Hepafilter, ist überschaubar. Immerhin können die Viren auf diese Weise mit einem Wirkungsgrad von 99,995% herausgefiltert werden. Auch die Dekontamination, beziehungsweise Deaktivierung der Viren im Filter ist technisch simpel und bereits gelöst. Es bedarf nur der periodischen, kurzzeitigen Erhitzung der Filter auf über 70 Grad. Jede entsprechend gut geplante, moderne Lüftungsanlage kann das leisten.


Die Verbesserung der Luftqualität in Innenräumen


Wir haben jahrzehntelang verabsäumt, unsere Arbeits- und Aufenthaltsräume mit adäquaten Lüftungs- und Klimaanlagen, oft aus Kostengründen und Vorurteilen, entsprechend auszustatten. Dabei ist anzumerken, dass diese sogenannten "Klimaanlagen" oft genug nur reine "Umluftanlagen" sind, welche die verbrauchte Luft bloß temperieren und dann im Raum umwälzen. Diese Anlagen sorgen keineswegs für eine Abnahme der Virenkonzentration, sondern im Gegenteil für eine zuverlässige Verteilung der Keime an alle im Raum Anwesenden. Um die Virenkonzentration wirksam zu senken, ist ein mehrfacher, vollständiger Luftwechsel je Stunde erforderlich. Das ist mit noch so langer Fensterlüftung nicht erreichbar. Auch bleibt dann die Frage unbeantwortet, was man im Winter machen soll, wenn die Infektionen verstärkt grassieren. In der kalten Frischluft beim offenen Fenster sitzen? Man kommt also nicht ohne Klima- bzw. Lüftungsanlagen aus.


Wir sind daran gewöhnt, die epidemisch auftretenden viralen Infekte - und zuweilen tausende Grippetote - in der kalten Jahreszeit hinzunehmen. Unseren Kindern muten wir zu, in völlig unzureichend gelüfteten Klassenräumen zu lernen, obwohl wir längst wissen, wie schnell die Konzentrationsfähigkeit durch den abnehmenden Sauerstoffgehalt der Raumluft reduziert wird. In gleicher Weise gilt das natürlich für die Erwachsenen an ihren Arbeitsstätten.


Hier wartet ein großes - und in vielerlei Hinsicht effektives - Präventionsprogramm auf seine Umsetzung. Dieses ist zugleich auch, in Zeiten einer uns noch nicht in voller Wucht getroffenen Wirtschaftskrise, ein höchst effektives und auch rasch umsetzbares, konjunkturwirksames Investitionsprogramm. Unzählige Bestandsgebäude müssten in lüftungs- und klimatechnischer Hinsicht nachgerüstet werden. Die rhetorische Aufrüstung so mancher unserer Regierungsmitglieder im "Kampf gegen Corona" könnte dann übergeführt werden in eine umso wirksamere technische Aufrüstung unserer Bausubstanz.


Klimakrise und Klimatechnik


Natürlich darf angesichts der Klimakrise nicht ignoriert werden, dass der Betrieb echter Klimaanlagen, also solcher, welche nicht nur temperierte Raumluft umwälzen sondern auch Frischluft zuführen, mit beträchtlichem Energieaufwand verbunden ist. Zur effektiven Senkung der Virenlasten genügt es allerdings, strömungstechnisch sorgfältig geplante Lüftungsanlagen zu installieren, welche die Raumluft ohne Frischluftzufuhr umwälzen, diese allerdings über die eingangs beschriebenen H14-Hepafilter führen. Diese Anlagen verbrauchen wenig Energie und sind mit relativ geringem finanziellen und technischen Aufwand installierbar.


Wenn wir allerdings zusätzlich auch die Luftqualität in Klassenzimmern und Arbeitsräumen von Bestandsgebäuden durch Frischluftzufuhr wirksam verbessern wollen kommt man nicht umhin, echte Klimaanlagen zu installieren. Das Totschlagargument gegen diese, sie seien Stromfresser und würden darüber hinaus auch die Außenluft in unseren ohnehin immer heißer werdenden Städten noch weiter aufheizen, ist nur zum Teil richtig und bedarf einer differenzierten Betrachtung. Das ist zwar zutreffend für die immer häufiger im städtischen Wohnbau installierten Kleinklimaanlagen, nicht jedoch für Anlagen welche mit angelieferter Fernwärme und Fernkälte operieren. In den Zentralen wird hocheffizient produziert und über komplexe Energierückgewinnungssysteme kaum Wärme oder Kälte an die Umgebungsluft abgegeben.


Das weltweite Wachstum der Ballungsräume ist weiterhin ungebremst. Hochhäuser und Baukräne prägen die Silhouetten und legen Zeugnis ab für die ungebrochene Attraktivität der Stadt. In Europa ist jedenfalls keine Trendumkehr erkennbar. Der Abbruch von Altbauten und die Errichtung von Neubauten sind, bezogen auf die Lebensdauer der Gebäude, mit sehr hohem Energieverbrauch verbunden. Zunehmend wird daher erkannt, dass sowohl Sanierung als auch technische Verbesserung unserer Bestandsgebäude nicht nur aus stadtgestalterischer Sicht sinnvoll sind sondern auch einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Reduktion unseres wachsenden Energieverbrauches leisten können. Den Verzicht auf Abbruch und Neubau zugunsten der Bestandserhaltung wird man aber nur dann erfolgreich argumentieren können, wenn durch die technischen Verbesserungen der Substanz eine vergleichbare Qualität erreicht werden kann. Hilfreich wird es jedenfalls nicht sein, die Klimakrise und den daraus abgeleiteten Zwang zur Einsparung von Energie als Argumentation gegen den Einsatz von Klimatechnik ins Treffen zu führen. Hier sollte es kein "Entweder-Oder" geben. Beides wird notwendig sein, um die Lebensqualität in unseren Städten nicht nur zu erhalten sondern auch weiter zu verbessern.