Gleichheit oder Gerechtigkeit? Am Beispiel des Kuchens (2021)

Ist Gleichheit gerecht? "Selbstverständlich!" werden spontan viele antworten. Wer es z. B. unternimmt zu fragen, warum Gleichstellung, Gleichbehandlung, etc., wird wahrscheinlich als Antwort bekommen, weil das gerecht sei. Fordert also Gerechtigkeit Gleichheit? Welche Bindeworte stehen zwischen den Begriffen "Gerechtigkeit" und "Gleichheit"? Sagen wir Gleichheit ist gerecht, oder es gäbe Gerechtigkeit und Gleichheit, oder schlussendlich: man müsse wählen zwischen Gleichheit oder Gerechtigkeit?


Wer die Forderung nach Gleichheit damit begründet, dass das eben gerecht sei, misst der Gleichheit aber nur einen von der Gerechtigkeit abgeleiteten Wert zu. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Von Gerechtigkeitsprechend, meine ich nicht das "Recht" (das Rechtssystem). Gerechtigkeit ist ein offener Begriff - jeder kann darunter etwas anderes verstehen. Das Recht schafft möglichst klare, eindeutige Normen, die nicht zwingend gerecht sein müssen; es gehört in die Sphäre staatlicher Gewalt (siehe Foucault und Derrida), in sein Machtmonopol. Wir als Personen, wollen gerecht handeln, die Staatsgewalt handelt gemäß der Rechtsnormen. Vor Justitia sind alle gleich, egal ob hohen oder niederen Ranges, egal ob Mann oder Frau, schön oder hässlich, daher hat man sie früher blind dargestellt. Nicht von ungefähr hält sie eine Waage in der Hand. Wohlgemerkt eine analoge Balkenwaage, keine digitale Waage, die kannte man damals, als die Welt noch einfach und überschaubar war, noch nicht. Doch davon später mehr, denn das Messen der Gleichheit mit Balkenwaagen ist, so paradox das klingen mag, in modernen, digitalen Zeiten, wichtiger denn je geworden.


Vor dem Gesetz also sind wir gleich - zumindest theoretisch, denn jede Relativierung der Regeln würde sie schwächen.  Immerhin gibt es immer einen Spielraum, den Ermessensspielraum des Richters, der sicherstellen soll, dass die Strafe dem jeweiligen, individuellen Fall angemessen ist. Er muss und soll also genauer hinschauen und keinesfalls eine Binde vor den Augen haben beim "Recht" sprechen, sein Urteil kann dann eben der Sache, dem Fall, dem Angeklagten gerecht werden; anders gesagt: passen. It fits, sagen die Engländer. Bei Aristoteles heißt dieser praxisgerechte und doch oft so schwer umsetzbare Grundsatz: "man möge....Gleiches gleich und Ungleiches ungleich behandeln" (Nikomachische Ethik).


Wenn Gleichheit ein Begriff ist, der von der Gerechtigkeit abgeleitet wird, ihr also nachgeordnet ist, muss man sich, wenn Gleichheit gefordert wird, wohl zuvorderst mit Gerechtigkeitsfragen beschäftigen. Da wird es aber schwierig. Was als gerecht empfunden wird, differiert von Fall zu Fall, wird in unterschiedlichen Kulturen verschieden gesehen, vor 200 Jahren anders als jetzt, usw. und so fort. Da wird es einfach schwammig unklar. Dem Taliban erscheint es gerecht "Kopf ab" zu urteilen, bei uns gibt es im gleichen Fall dafür möglicherweise nur eine Diversion.


Der Vater meiner Enkelkinder Lara und Resi, fragt das Vorschulkind Lara: "Stell' dir vor, Resi hat 3 Glitzersteine und du zwei. Wie viele Steine sind das zusammen?" Lara empört: "Wieso hat Resi drei und ich nur zwei!?"


Manche Wissenschaftler werden durch Beobachtungen dieser Art verleitet anzunehmen, unser Gerechtigkeitsgefühl sei möglicherweise angeboren und nicht erlernt. Als Beleg dafür wird gerne der berühmte, vielzitierte Versuch mit Kapuzineräffchen genommen (De Waal und Brosnan): Die Äffchen sitzen in getrennten Käfigen und können einander sehen. Wenn sie über Aufforderung Spielsteine herausreichen, bekommen sie als Belohnung Gurkenscheiben. Einer von ihnen bekommt später an Stelle dessen süße Weintrauben, worauf die zusehenden, weil ihnen danach nur Gurken angeboten werden, die Herausgabe von Spielsteinen verweigern. Als aber dann ein Affe, obwohl er überhaupt keinen Spielstein herausgegeben hat, trotzdem Weintrauben bekommt, ist die Aufregung bei den anderen unbeschreiblich. Empört schleudern sie alles was in ihrer Reichweite ist - auch ihre Spielsteine - aus den Käfigen.


Kritiker zweifeln an der Interpretation, das sei ein Nachweis für das Gerechtigkeitsempfinden. Unbestreitbar bleibt aber, dass der Sinn für Gerechtigkeit, so er den angeboren wäre, im Prozess der Sozialisierung bzw. Kulturalisierung jedenfalls weiterentwickelt wird. Wie oben schon erwähnt, ergeben sich, je nach sozialer und kultureller Umgebung, jeweiliger zeitgeschichtlicher Verortung oder Lebenssituation, oft sehr unterschiedliche Einschätzungen. Was denn nun gerecht sei, kann daher sehr unterschiedlich gesehen werden, ein objektiver Standpunkt nicht zu finden sein.


Maximalistische Egalitaristen


Da haben es radikale Egalitaristen - die man heutzutage übrigens, nach der Implosion des kommunistischen Experiments, eher mit der Lupe suchen muss - mit ihrer dogmatischen Vorstellung vom absolut gesetzten Wert z.B. der sozialen Gleichheit, allerdings wesentlich leichter. Sie messen mit der analogen Balkenwaage und meinen, der Waagebalken müsse unter allen Umständen horizontal gestellt werden, alles und jedes müsse gleichgestellt werden. Kritik an der offensichtlichen Unvernunft, Gleichheit für alle Lebensbereiche einzufordern wird - Stichwort: Wenn alle hungern sind alle gleich, ist das dann gut? - damit abgewehrt, Gleichheit sei eben ein intrinsischer Wert und bedürfe daher keiner weiteren Begründung. Begründet müsse jedoch jede Abweichung von diesem Prinzip werden.


Sie setzen sich nicht damit auseinander, dass die Werte Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, zu denen sie sich selbstverständlich auch bekennen, in konkreten Situationen oft zueinander in Widerspruch stehen, ja sich gegenseitig ausschließen und damit in gelebter Praxis unser Urteilen und Handeln verwirren können. Freiheit im Handeln des Einen muss eingeschränkt werden, behindert sie doch oft die Entfaltung der Freiheit des Anderen. Wie kann Gleichheit möglich sein, wo wir doch frei sein wollen - zum Beispiel in der Entfaltung unserer individuellen, zweifellos ungerecht verteilten Talente? In brüderlicher Gleichheit verbunden sein - wo bleibt die Freiheit, die unübersehbaren Unterschiede zu leben; müssen, sollen diese unterdrückt werden? Absolut gesetzte Freiheit und Gleichheit sind Antagonisten. Es geht um den oft schwierig zu findenden Ausgleich. Etwas weniger Freiheit, um mehr Gleichheit zu sichern, vielleicht auch nicht allzu viel der Brüderlichkeit, um nicht vor lauter brüderlicher Verbundenheit alle Gegensätze und Konflikte zu verwischen und so frei dazu zu werden, Konflikte austragen zu können. Mit anderen Worten: Ein wenig von allem, aber nicht alles für jeden. Das ist natürlich dem Maximalisten ein Gräuel. Er liebt nicht das Abwägen, den Kompromiss.


Angesichts des Klimawandels werden Stimmen laut, man müsse sich vom Wachstum verabschieden, manche predigen sogar das Ideal einer neuen Genügsamkeit. Das hört sich für übersatte Wohlstandsbürger vielleicht verlockend und anstrebenswert an, auf Hungrige wird es wie blanker Hohn wirken. Angesichts der gewaltigen Wohlstandsunterschiede zwischen Kontinenten, Ländern und Gesellschaftsschichten kann und darf das keine Option sein.


Nicht ganz zufällig geht Hand in Hand mit diesen Überlegungen zur Abkehr vom Ideal einer Wachstumsgesellschaft ein neuer Puritanismus, ein moralischer, freudlos eifernder Rigorismus, der wie eine Seuche beginnt, auch europäische Gesellschaften zu erfassen: Stichwort Cancel Culture. Hier feiert der dogmatisch erstarrte Egalitarismus, dessen nahezu geräuschlose Implosion in den späten 1980er-Jahren wir staunend zusehen konnten, seine rechthaberische Auferstehung in neuem Gewand.


Die Extremposition der Anti-Egalitaristen


Ganz anders die oft strukturfunktionalistisch (siehe Talcott Parson et al.) argumentierende antiegalitaristische Gegenposition. Für sie ist z.B. soziale Ungleichheit kein Skandolon, sondern eine unverzichtbare, nützliche Voraussetzung. Sie fördere Differenzierung und Komplexität und damit die Dynamik einer Gesellschaft. Unterschiedliche Entlohnung und damit Ressourcenverfügbarkeit gäben Anreize seine soziale Position zu verbessern. Ohne diese Belohnungsanreize kämen fähige Personen nicht in anspruchsvollere Positionen und weniger fähige nicht gleichsam automatisch in die weniger wichtigen.


Dieser Überzeugung wird gerne unterstellt, sie sei nur die "sozialwissenschaftliche Verbrämung" der "..US-amerikanischen Kapitalismusbotschaft" (Thomas Mergel). Das hat zweifellos manches für sich, schwächt aber nicht die funktionalistische Ungleichheitsposition. Jede Innovation im Bereich der Wirtschaft schafft Vorteile für den Innovator und damit neue Ungleichheit. Diese müsste dann in einer sozial egalitären Gesellschaft von der Politik neutralisiert werden. Auf Dauer gesehen verhindert das Innovationen oder bremst sie zumindest. Die gescheiterten sozialen Experimente der jüngeren Vergangenheit bezeugen das. Die soziale Mobilität ist ein unverzichtbares Element von Wachstumsgesellschaften. Will man diese nicht, muss man Stillstand, der allzu schnell in Rückschritt münden kann, in Kauf nehmen.


Am Beispiel des Kuchens


In der Soziologie und Philosophie wird von manchen Autoren das berühmte Kuchenbeispiel (siehe Isaiah Berlin, Richard Hare, Ernst Tugendhat, Angelika Krebs et al.) herangezogen, um die Komplexität von Gleichheitsvorstellungen darzustellen und deren Gerechtigkeit bzw. Angemessenheit zur Diskussion zu stellen. Die Ausgangsfrage: Ist das gerecht, wenn der Vater den Kuchen teilt und einem seiner Kinder ein größeres Stück als den anderen gibt?


Wir meinen ganz selbstverständlich, dafür müsse er gute Gründe nicht nur haben, sondern auch vorweisen - er stünde unter Rechtfertigungszwang. Vielleicht sind die ungleich verteilten Stücke so groß, dass auch der Hungrigste mehr als satt vom kleinsten dieser Stücke geworden wäre. Ein Kind wird sich aber doch finden, das gegen den Vater aufmuckt und sich über die offensichtliche Benachteiligung - den Verstoß gegen die Gleichbehandlung - beschwert.


Wenn allerdings der zu verteilende Kuchen klein ist und nur das Kind mit dem größeren Kuchenstück so halbwegs satt geworden ist, wird allgemeiner Protest dem Vater sicher sein. Auch seine besten Argumente werden nichts ausrichten, etwa sein Appell an die geschwisterliche Solidarität mit dem jüngsten, schwächsten Kind, das es am meisten von allen nötig habe, satt zu werden. Es wird ihm auch nicht helfen, sich auf Aristoteles zu berufen, der in seiner Nikomedia den Rechtsgrundsatz formulierte, "Gleiche seien gleich, und Ungleiche ungleich zu behandeln". Die benachteiligten Kinder werden rebellieren.


Der Streit zwischen dem Vater - einem gemäßigten Antiegalitaristen- und seinem maximalistisch - egalitaristischen Sohn, einem uneinsichtigen Dogmatiker, der, obwohl voll gesättigt vom kleineren Kuchenstück, gegen den Vater rebelliert, durchzieht die zeitgenössische, philosophische Wertedebatte seit langem. Hier werden aber nicht abgehobene Theorien scholastisch im realitätsfernen Raum diskutiert. Ganz im Gegenteil geht es um handfeste ökonomische Fragen, um Verteilungsdebatten, aber natürlich auch um solche der Gleichstellung von Geschlechtern, Chancengerechtigkeit, Rassismus, die Migrationsdebatte und vieles andere.


Was wäre aber, wenn der Vater die ungleich großen Stücke an die Kinder verteilt, ohne dass sie voneinander wissen, weil sie in getrennten Zimmern sitzen? Dabei sind zwei Varianten denkbar. In Variante eins verteilt er ungleich wie zuvor, aber alle Stücke sind recht groß. In Variante zwei sind es exakt gleich große Stücke, die aber deutlich kleiner als das kleinste aus Variante eins sind. Welche Variante ist vorzuziehen? Der Extrem-Egalitaristbraucht nicht nachzudenken, Gleichheit muss nicht argumentiert werden, denn sie ist ein Wert an sich. Leider auch für sich. Denn in seiner Selbstgerechtigkeit wird nur er zufrieden sein, der jüngste Bruder aber zu wenig bekommen haben. Der gemäßigte Antiegalitarist wird, wie die meisten von uns, der Variante eins den Vorzug geben, denn alle sind satt geworden.


Die neuere Geschichte hat längst entschieden, welche Variante der Güter- und Ressourcenverteilung vorzuziehen ist. Sie hat ja auch den Praxistest bestanden und uns, zumindest im westlichen Europa, eine beträchtliche Steigerung allgemeinen Wohlstands gebracht. Und auch auf anderen Kontinenten, wenn auch auf unterschiedlichen Niveaus, ist diese Steigerung zu sehen. So viel also zur Verteilung materieller Güter, die ja auch mit zunehmender Bildung, größerer Gesundheit und wachsender Lebenserwartung ursächlich verbunden ist.


Dieser moderne, undogmatische Antiegalitarismus der humanistisch orientierten, sozialen Marktwirtschaft, misst zwar nach wie vor mit der analogen Balkenwaage das Gleichgewicht, nimmt aber, wie ich meine aus guten Gründen, ein gewisses Maß an Schräglage in Kauf, sofern eine Waagschale nicht mangels an Gewicht so hoch steht, dass niemand auf dieser Seite ausreichend satt werden kann. (siehe John Rawls Differenzprinzip). Man könnte in gewisser Hinsicht sagen, dass der Egalitarismus den horizontalen Balken als einzig gerechte Position sieht. Der Humanismus jedoch, den man auch als eine Art Schrumpfegalitarismusbezeichnen könnte, hat das Wohl der ganzen Menschheit im Blick und nimmt die Balkenneigung in Kauf, wenn nur ein gewisser Sockel an Nahrung, Behausung, medizinischer Versorgung sowie ausreichend Raum für soziale Teilhabe und Selbstbestimmung gewährleistet ist. Für Maximalisten ist das zu wenig, für jene aber, die kaum etwas haben viel.