Zu Architektur und Städtebau                                                   

Wendepunkt in der Architektur (1982)

Wieder einmal sind wir an einem Wendepunkt angelangt. Wenn auch jede Generation glaubt an einer Zeitenwende zu stehen, so scheint doch manches darauf hinzudeuten, dass mehr geschehen ist als bloß der alle paar Jahre von selbsternannten Propheten verkündete Anbruch einer neuen Zeit oder des nahenden Weltunterganges. 

Regonalismus (1982)

Im internationalen Baugeschehen ist eine Tendenz erkennbar geworden, welche zunehmend an Bedeutung gewinnt und mehr zu sein scheint, als bloß eine jener zahlreichen Moden, die, kaum in Erscheinung getreten, rasch wieder in Bedeutungslosigkeit zurücksinken. Diese Bewegung lässt sich dialektisch verstehen als Antwort einerseits auf einen allumfassenden Identitätsverlust, Uniformität und Monotonie sowie andererseits auf den vorherrschenden formalen Libertinismus. 

Repräsentanz und Notwendigkeit (1983)

Als Wesen neben und gegen die Natur sind wir darauf angewiesen Schutz zu suchen, Hüllen bergend um uns zu legen, um die Bedro­hungen einer feindlichen Umgebung abzuwehren. Viel zu früh, verletzbar und schutzlos, ausgestoßen aus dem Uterus in eine bedrohliche Umwelt, wird immer wieder die Geborgenheit der Ur­höhle aufgesucht. So ist die Höhle des urzeitlichen Menschen Ausgangspunkt aller Architektur.

Rede zur Eröffnung des neuen Hauses für den Vorwärts-Verlag (1985)

Kunstgeschichte kann auch als ein Prozess interpretiert werden, der durch die Entwicklung neuer Ideen, Technologien und das Auftreten neuer gesellschaftlicher Gruppierungen maßgeblich bestimmt wird. Es lässt sich zum Beispiel darstellen, wie das auf­steigende Bürgertum, noch unsicher In seiner bestimmenden gesellschaftlichen Rolle, die abgelebten kulturellen Ausdrucksformen des Adels übernahm, um erst allmählich zur eigenen Sprache zu finden. Empire, Klassizismus, Gründerzeit und Jugendstil markieren die Stationen dieser Entwicklung.

Bauen und kulturelle Verantwortung (1985)

Bauen heißt teilnehmen am Kultur schaffenden Prozess, bedeutet Materialisation jener Ideen, welche das gesellschaftliche Geschehen wesentlich bestimmen. So gerät jede Auseinandersetzung mit dem Baugeschehen zur Kultur - bzw. Gesellschaftsbetrachtung, zur Suche nach den geistigen und materiellen Bedingungen der Architektur.

Eine Fassadebetrachtung beim Spaziergang rund um den Wiener Stephansdom (1987)

Auf dem ersten Blick mit sparsam verwendeten Mitteln gestaltet, offenbart die Fassade des Kurhauses am Stephansplatz erst bei näherer Betrachtung, mit welcher Raffinesse die Fläche unter dem Motiv der „Drei-Zahl“ durchkomponiert wurde. In der Vertikalen findet sich die klassische Dreiteilung in Sockelgeschoss, Mittelstück und das oberste Geschoß mit dem Hauptgesims. In der funktionalen Hierarchie des Gebäudes ist dem ersten Stock, analog zur Beletage des Bürgertums, vorrangige Bedeutung zugewiesen.

Einige Überlegungen zu einer sinnvollen Architekturkritik (1987)

Da heute der Kreis jener, welche mit Kunst als potentielle Rezipienten konfrontiert werden größer ist als in jeder anderen geschichtlichen Epoche, andererseits die Kenntnis der Mittel und Techniken so begrenzt geblieben ist wie zuvor, scheint mir notwendigerweise die Betonung der didaktischen, aufklärenden Funktion von Kunstkritik von großer Bedeutung zu sein.

Über das Reisen - Eine Betrachtung über den Bedeutungswandel von Bahnhöfen (2015)

Das Reisen hat sich geändert. Zur Zeit der Errichtung der großen, räumlich beeindruckenden Bahnhofshallen war das Reisen mit der Bahn ein Ereignis von Bedeutung. Die Vorbereitungen waren umfangreich, das Reisen teuer und im Wesentlichen der gesellschaftlichen Elite vorbehalten. Das Abfahren und Ankommen wurde architektonisch insze­niert. Heute bucht man schnell online im Internet und fliegt über das Wochenende nach Rom. Das kostet so viel wie ein Essen für Zwei im Restaurant. Mit der Bahn fahren Pendler täglich zur Arbeit, Manager zur Besprechung nach Linz, Salzburg oder München, die Fahrzeit zur Arbeit am Labtop nutzend, Schüler zur Schule. Ist das "Reisen"?

Das Schaffen öffentlicher Orte (2015)

Wien ist keine Stadt der Plätze. In den 1960iger-Jahren hatten es junge Menschen noch schwer, hier Orte unverbindlicher Zusammenkunft zu finden. Es gab fast keine Lokale in denen man einander treffen konnte, nur die Foyers der Kinos und Theater, an Diskotheken das "Atrium" für die Kinder der Oberschicht und den "Volksgarten" für den Rest. Im Sommer die Freibäder, das Jahr über die Sportplätze. Sonst wenig bis nichts.

Über das Zeichnen von Häusern (2016)

Das Zeichnen war mir schon immer wichtig. Darüber hinaus spielte es beim Architektur-Studium eine nicht vernachlässigbare Rolle. Es gab Übungen im Zeichnen und Malen, Aktzeichnen, Architektonisches Zeichnen, bei dem etwa mit Reißfeder und Tusche Korinthische Kapitelle zu zeichnen und mit verdünnter Tusche plastisch anzulegen waren. In Ornamentaler Schrift galt es, in verschiedenen Schriftarten die Anfertigung schöner Schriftbilder zu üben. Kurzum, es stand das Erwerben handwerklicher Fähigkeiten im Mittelpunkt. All das zu einer Zeit, da Pläne noch von Hand, mit Tusche oder Bleistift, Reißschiene und Dreieck hergestellt wurden. 

Überlegungen zur Bodenpolitik in Ballungsräumen - am Beispiel des Wiener Wohnbaues (2019)

Ich bin in einer Zinskaserne eines Wiener Arbeiterbezirkes aufgewachsen. Unsere Wohnung war klein, obschon sie zu den größeren zählte und auch insofern privilegiert war, als sie das WC und einen Wasseranschluss in der Wohnung hatte. Die meisten im Haus hatten das nicht. Die Küchen hatten nur ein Fenster hinaus zum Erschließungsgang. Unterhaltungen zwischen den Kochwasser von der Bassena - wie diese Art von Wasserzapfstelle in Wien genannt wurden - Holenden und den gerade Kochenden über das geöffnete Fenster hinweg waren häufig. Gleichsam eine großstädtische Form des Tratschens am Dorfbrunnen.