Bauen und kulturelle Verantwortung (1985)

Bauen heißt teilnehmen am Kultur schaffenden Prozess, bedeutet Materialisation jener Ideen, welche das gesellschaftliche Geschehen wesentlich bestimmen. So gerät jede Auseinandersetzung mit dem Baugeschehen zur Kultur - bzw. Gesellschaftsbetrachtung, zur Suche nach den geistigen und materiellen Bedingungen der Architektur. Natürlich ist der Versuch zu verallgemeinernden Aussagen über die vielfältigen Erscheinungsformen zu gelangen, auch bei noch so gründlicher Analyse, ein riskenreiches Unter­fangen. Trotzdem glaube ich, dass bei entsprechender Einengung des Untersuchungsfeldes durchaus plausible Behauptungen aufgestellt werden dürfen, sofern ihre Nachprüfbarkeit gegeben ist.


So lässt sich etwa über Planungsvorgänge im Bereich der Wirtschaft oder der öffentlichen Verwaltung sagen, dass quantitativ erfassbare Kriterien allem nicht eindeutig Bewertbaren vorgezogen werden. Die Herrschaft des scheinbar Rationalen, der kleinste gemeinsame Nenner, dominieren das Geschehen. Mit mathematischen Methoden werden hochkomplexe Strukturen auf ihre scheinbar quantifizierbaren Elemente reduziert und damit hantierbar gemacht. Das operative Denken beherrscht die Szene der kollektiven Entscheidungs­organe. Sollten sich qualitative Wertungen nicht umgehen lassen, ist der Kompromiss die bewährte Methode, der Austragung von Kontroversen zu entgehen. Dass in diesem Umfeld die permanente Rückkopplung zwischen Planern und Auftraggebern zur Eliminierung des Künstlerischen geführt hat, dass die Verpflichtung, Ent­scheidungen vor Kontrollorganen rechtfertigen zu müssen, das Durch­schnittliche begünstigt, gehört zu den angeblich unvermeidlichen Folgen.


Vor Aufsichtsräten lasst sich mit Symbol, Zeichen oder Gestalt schwerlich argumentieren. So hat sich in der Verantwortungslosigkeit der geteilten Verantwortung, im Beziehungsnetz der Entscheidungsstrukturen, mit der Gestalt des sich seiner selbst und seiner Verantwortung bewussten Bauherrn, auch die Architektur verflüchtigt: Baukunst findet nicht mehr statt.


Diese weitgehend anonymisierten Entscheidungsstrukturen finden ihre Kongruenz in bis zur Willfährigkeit anpassungsfähigen Planern. Die Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner und totale Identifikation mit dem Warencharakter der Architektur garantieren konfliktfreies Zusammenarbeiten, problemlose Herstellung und hohe Akzeptanz  des Produktes. Es kann kein Zufall sein, dass in Österreich große Organisationen auch bei kleineren Bauvorhaben mit Vorliebe gerade mit jenen Architekten zusammenarbeiten, welche kurze Planungszeiten, schnelles Entscheiden, Kompromissbereitschaft und vertraute, eindimensionale Argumentation anzubieten haben. Die glatte Uniformität solcherart produzierter Bauten entspricht dem Persönlichkeitsprofil des idealtypischen Managers. Dieser darf sich zwar - je höher in der Hierarchie, desto eher - einige scheinbar individualisierende Schnörkel in Kleidung und Verhalten leisten; diese informellen Rangabzeichen bleiben aber vorhersehbar und signalisieren damit nichts anderes als die eigene Berechenbarkeit.


Jeder Produktmanager weiß von den scheinbar unerklärlichen, irrationalen Hemmnissen innerhalb des eigenen Firmenmanagements zu reden, welche sich oft der Einführung wirklich neuer Produkte entgegen stellen. Innovation wird zwar von den Apologeten unseres Wirtschaftssystems als oberstes Leitbild propagiert, nicht selten jedoch ist damit ein neues Kleid für alte Inhalte gemeint. Dass solche Unternehmen es vorziehen, im allgemeinen immer mit denselben Planern von New York bis Mistelbach immer die gleichen Kisten zu bauen, sozusagen keine Risken einzugehen, darf also nicht überraschen.


Andere Wege zu gehen ist zwar gewiss nicht leichter, aber durchaus möglich. Auf der jüngsten Architekturbienale in Paris war Österreich mit bemerkenswerten Beiträgen aus den Bereichen des Laden- und Wohnbaues sowie kultureller Einrichtungen präsent. Dass unser Land auch mit einer Bankfiliale, nämlich der Zweigstelle Favoritenstraße der Zentralsparkasse der Gemeinde Wien vertreten war, gehört angesichts der beschriebenen Baupraxis großer Organisationen keinesfalls zu den Selbstverständlichkeiten. Der Grazer Architekt Günther Domenig hat den Versuch unternommen, die provinzielle Gewöhnlichkeit einer Vorstadteinkaufsstraße durch Deformation von Material und Straßenraum mit gewalttätiger Gebärde aufzubrechen. Plakativ demonstrierte maschinelle Eingeweide, grelle Kontraste, ein gefräßig aufgerissenes Maul als Eingang, sind beziehungsreiche Metaphern der kritischen und Kritik provozierenden Sprache dieses Baues. Nicht davor zurückgeschreckt zu sein, das Image einer Bank einem so radikalen Kommentar auszusetzen, muss besonders hervorgehoben werden.


Dieses Gebäude steht stellvertretend für eine ganze Reihe beachtenswerter Realisierungen des erwähnten Unternehmens. Die konsequente Bemühung, immer wieder engagierte Architekten bei der Gestaltung des inzwischen auf 120 Filialen angewachsenen Institutes heranzuziehen, bestimmt das vielfältige Erscheinungsbild dieser Bank. Die hier bewusst angestrebte Vielfalt, bei hoher architektonischer Qualität, steht im krassen Gegensatz zur üblichen Vergabe­politik und Baupraxis vergleichbarer Organisationen. Die Liste der beauftragten Architekten legt Zeugnis ab für die Ambition der Verantwortlichen. Offensichtlich muss nicht immer der Weg des kleinsten gemeinsamen Nenners oder des geringsten Widerstandes gegangen werden.


Natürlich gelingt es zuweilen schauspielerischen Talenten oder trickreicher Argumentation, überzeugende Architektur zwischen den zahlreichen Klippen jener vielfältigen Instanzen durchzuschiffen, die sich heute auf allen Ebenen in den Entwurfsprozess einschalten. Vom Bauherrn über die verschiedensten behördlichen Stellen, mischen alle mit an jenem, im allgemeinen ungenießbaren Brei, der uns als zeitgenössisches Bauen vorgesetzt wird. Zugegebenermaßen stellen sich heute dem Architekten wesentlich mehr Problemkreise zur Bearbeitung, wodurch Architek­tur mit einem deutlichen Überhang der außerkünstlerischen Aspekte überfrachtet wird. Das geschieht nicht nur im tech­nischen Bereich - man denke etwa an die hochkomplexen Instal­lationsaufgaben, die koordinativ zu bewältigen sind - sondern auch im juristischen. Das Vordringen im Ansatz sicher berechtigter, mit Fortentwicklung des Verwaltungsstaates aber immer hypertropherer, rechtlicher Vorschreibungen, hat eine derartige Fülle von zu berücksichtigenden funktionellen, technischen und rechtlichen Komponenten produziert, dass ein Bauwerk zu einem derart hochkomplexen Gebilde geworden ist, dass vor der Fülle dieser zu ordnenden Faktoren, Architekten kapitulieren und sich im allgemeinen damit begnügen, den säkularen Teil ihrer Arbeit zu bewältigen.


In seltenen, glücklichen Momenten jedoch gelingt es, darüber hinauszugehen und in jene Bereiche vorzudringen, von denen Palladio in seinen "Quattro libri" spricht: "Und wenn wir dieses schöne Gebilde der Welt betrachten, können wir nicht zweifeln, dass die kleinen Tempel die wir machen, ähnlich sein sollten jenem ganz großen Tempel, welcher voll­endet worden ist durch ein einziges Wort Seiner unendlichen Güte".


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