Gewalt (2021)

Ich habe keine frühen Gewalterfahrungen. Die ersten Erinnerungen sind jene an die "Halbstarken" auf Wiens Straßen der 1950er-Jahre. Man sah sie vor allem in den überwiegend proletarischen Bezirken, wie etwa der Brigittenau, wo ich aufgewachsen bin. Mit ihren dunklen Lederwesten, Jeans und dem möglichst dicken "Packl" - den hinten im Nacken mit geradem Strich horizontal abgeschnittenen Haaren - immer in Gruppen auftretend, waren sie schon von weitem erkennbar. Die Erwachsenen in unserem Viertel nannten sie auch "Eckensteher", weil sie sich an der Ecke unseres gründerzeitlichen Häuserblocks trafen und dort auch lange stehen blieben. Es gab im Bezirk unterschiedliche Cliquen, die einander mieden. Jede hatte scheinbar ihr Revier. Die Wohnungen waren klein, an Lokalen gab es nur den "Wirtn", das Gasthaus an eben jener Ecke, wo sich die Bande unseres Grätzels traf. Dort aber gingen sie nur hinein, um eine Flasche Bier zu holen, die sie auf der Straße tranken. Einer hatte einen großen Hund bei sich, vor dem ich mich fürchtete und immer im großen Bogen auswich. Wenn die Tage Anfang Dezember früh dunkel wurden, machten als "Krampus " verkleidete Jugendliche, bewaffnet mit schweren Eisenketten, die Gegend unsicher. Auch die Erwachsenen fürchteten sich und mieden die engeren Gassen. Dass vielleicht auch so mancher "Großer", verborgen unter der Teufelsmaske, seine Aggressionen auslebte, machte es noch bedrohlicher.


Fußball war für uns Kinder wichtig. In der Unterstufe des Realgymnasiums verbrachte die kleine Gruppe der Fußballbegeisterten meiner Klasse, wann immer das Wetter es irgendwie zuließ, ganze Nachmittage im "Käfig", dem hoch umzäunten Hartplatz nahe der Schule, im benachbarten Augarten. Zu den Höhepunkten zählte für uns der Besuch des Wiener Prater-Stadions, wo die wichtigen Spiele, die "Ländermatches", am Wochenende stattfanden. Dorthin pilgerten Zehntausende zu Fuß, oder mit der Straßenbahn, dem "11-er". Bald nach Matchende waren die Waggons vollgestopft und auf den Trittbrettern drängten sich an den Haltegriffen anklammernde Menschentrauben. Das war nicht ungefährlich, denn der Triebwagen donnerte mit hoher Geschwindigkeit die schnurgerade Engerthstraße entlang. Heute kennen wir solche Bilder nur mehr aus südamerikanischen oder indischen Metropolen.


Im Stadion standen wir oft dicht gedrängt, gut sechzigtausend Begeisterte im großen, ausverkauften Oval der Tribünen. Ein einziger Hexenkessel, durchtost von Anfeuerungsrufen, "Tooor-Schreien", oder Pfeifkonzerten. Damals gab es noch keine organisierten Sprechchöre und Fahnenschwinger, keine gewaltbereiten Hooligan-Horden, die nur den Krawall suchten. Es war ein aufregendes Fest. Fernsehen war noch unbekannt. Es gab allerdings die Direktübertragungen im Rundfunk, kommentiert von Edi Finger, der mit einer unverwechselbaren Mischung aus überschäumend, theatralischem Pathos und Wienerischem Dialekt das Spielgeschehen auf dem Rasen beschrieb. Ich saß oft zuhause vor dem "Radio" - dem Rundfunkempfänger - wenn ich nicht ins "Stadion" durfte und sah das Spielgeschehen durch die Augen des begeistert begeisternden Reporters plastisch vor mir. Wenn dann endlich unserer Mannschaft ein Tor gelang, gellte Fingers erlöster, sich überschlagender Jubelruf überlaut durchs Wohnzimmer.


Manche Zuschauer nahmen ihr tragbares Transistorradio mit ins Stadion und schauten, Edi Fingers Direktübertragung mithörend, dem Spiel zu. Das konnte sehr komisch sein, denn die Diskrepanz zwischen den begeisterten, aufgeregten Kommentaren und der manchmal lähmenden Realität auf dem Spielfeld war zuweilen beachtlich. Man durfte daher nicht alles ernst nehmen, wenn man zuhause sich mit seinen Reportagen begnügen musste und nicht selbst am Fußballplatz sein konnte. Er hatte halt Vorlieben für bestimmte Vereine, die einfach nicht schlecht spielen konnten. Mein Lieblingsverein, die Vienna, damals oft Tabellenführer, neben der Austria oder Rapid, spielte eben einfach immer gut. Böswillige im Rundfunk sahen das etwas anders und verpassten dem offensichtlich manchmal parteiischen Reporter den grausamen Spitznamen "Edi, die Hand", begleitet von der entsprechenden, offenen Handstellung.


Wie auch immer, ihm zuzuhören machte auch das mieseste Spiel zum Ereignis. Viel später dann sollte er bis weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt werden durch seine Radio-Übertragung von der Fußballweltmeisterschaft 1978. Die österreichische Nationalmannschaft traf damals in Cordoba in einem Entscheidungsspiel auf den regierenden Weltmeister Deutschland. Niemand hatte mit dem Sieg unserer Mannschaft gerechnet. Als aber dann endlich Hans Krankl den Siegestreffer zum 3:2 einschoss, schrie Edi Finger mit völlig entgleister, kippender Stimme begeistert ins Mikrophon: "Toooor, Toooor, Toooor"..."I wer' narrisch!!!" Dieser entfesselte Jubelschrei sollte zum geflügelten Wort werden, es gab ihn sogar als Klingelton für Mobiltelefone zu kaufen. Fingers Witwe klagte gegen diese kommerzielle Verwertung sowohl auf Unterlassung als auch Entschädigung und unterlag in allen Instanzen.


Wir Buben haben oft gerauft. Das waren in der Regel nicht wirkliche Kämpfe, sondern ein spielerisches Kräftemessen. Wenn einer niedergerungen war und fixiert am Boden lag, gab er auf und man ließ voneinander ab. Geboxt wurde nie, das war ein ungeschriebenes Gesetz. Es ging bei diesem Ringen nicht um Dominanz in der Gruppe, sondern darum, sich zu erproben.


Auch in den ersten Klassen im Realgymnasium hat sich das fortgesetzt. Einer der Mitschüler war deutlich stärker als wir. Er hatte bereits einen durchtrainierten, schlanken Körper mit ausgeprägtem Bizeps, raufte nie und gehörte, wie ich mich zu erinnern glaube, zu keiner der Kleingruppen, in welche sich die Klasse ausdifferenziert hatte. Er stand am Rand.


An einem kalten Wintertag war ich mit einigen fußballbegeisterten Schulfreunden im Stadion. Nach Spielende vertrieben wir uns die Zeit beim Warten auf die Straßenbahn mit einer Schneeballschlacht. Der Schnee war nass und schwer, die Bälle hart. Mit einem traf ich unseren "Muskelprotz" mitten ins Gesicht. Plötzlich stand er vor mir und drosch seine Faust auf meine Lippen. Wir waren alle wie erstarrt. Das Spiel war vorbei und Ernst geworden. Der Schläger verschwand in der Menge, meine Freunde waren geschockt.


Meine aufgeplatzten Lippen mussten dann im Brigittenauer Unfallkrankenhaus, das damals noch bei der Friedensbrücke war, versorgt werden. Der behandelnde Arzt stellte fest, dass ein oberer Schneidezahn mittig abgebrochen war und teilte meinen Eltern mit, dass er leider Anzeige gegen meinen Mitschüler erstatten müsse. In der folgenden Woche besprach der Schuldirektor mit unseren Eltern den Vorfall. Man einigte sich - nicht nur zu meiner großen Erleichterung - darauf, alles als unglücklichen Ablauf üblicher Raufereien zwischen Halbwüchsigen abzutun und auf sich beruhen zu lassen.


Papa, der in seiner Jugend recht sportlich gewesen war, hat dann versucht, mir das Boxen beizubringen, denn dass ich mich nicht gewehrt hatte, musste ihn beunruhigt haben. Anfangs war die Hemmung groß, mit den Fäusten hinzuschlagen, aber mit zunehmender Übung gelang mir das besser. Als ich ihn dann einmal, an seiner Deckung vorbei, voll auf die Nase traf, dass ihm die Tränen in die Augen schossen, erschrak nicht nur ich. Wir hörten dann bald auf mit dem Training und Papa meinte: "Mission accomplished".


Einige Jahre später, wir waren längst in der Oberstufe, sollte sich erweisen, dass mein schlagkräftiger Mitschüler weiterhin nicht gelernt hatte, seine aggressive Kraft zu zügeln. Dieses Mal geriet er in einen Streit mit Peter, von dem Schulfreunde erzählten, dass er gerne provoziere. Mir war das nicht aufgefallen. Es stimmt schon, wir beide waren damals ziemlich arrogant. In diesem Semester hatten wir, als gerade Sechzehnjährige, eine Gemeinschaftsausstellung unserer Bilder im Studententheater in der Biberstraße gehabt und kamen uns sehr bedeutend vor. Vielleicht hatte das unseren "Muskelprotz" provoziert. Jedenfalls schlug er Peter zwei Zähne aus und musste daraufhin die Schule verlassen, was wenige bedauerten.


Peter war mit Johann befreundet, dem Sohn eines Floridsdorfer Fleischhauers, den unser oft missmutiger Musikprofessor immer "Gulasch" nannte. Soviel ich weiß, traf sich Johann nur mit Peter außerhalb der Schule. Von ihn wusste man eigentlich nur, dass er, ohne ein Streber zu sein, ein sehr guter Schüler und - so wie Willi, Peter und ich - an moderner Literatur interessiert war. Er schien ein Einzelgänger zu sein. Eines Tages blieb er fort.


In der Klasse gab es das Gerücht, er habe früh am Morgen, beim Schottentor im ersten Bezirk, auf einen vor ihm gehenden Passanten geschossen. Die Kugel habe den Mann knapp verfehlt. Johann sahen wir nie mehr wieder.


Jahre später habe ich ihn zufällig im Resselpark vor der Technischen Universität in Wien getroffen. Sein Gesicht hatte sich kaum verändert. Er erzählte mir, dass er Maschinenbau studiere und gut voran käme. Beide waren wir etwas verlegen und wussten nichts miteinander zu reden. Wir trennten uns bald. Ich habe ihn nicht mehr wiedergesehen.