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Meine Wohnungen (Dezember 2024)

Wohnungen waren mir schon immer wichtig. Das wäre nicht weiter erwähnenswert, kann man doch davon ausgehen, dass Architekten sich dafür in besonderem Ausmaß interessieren. Manche dieser Zunft haben ihr ganzes Berufsleben damit verbracht, nichts anderes als Häuser für Wohnungen zu planen. Es mag ihnen damit wie Ärzten gehen, die tagaus, tagein Blinddärme herausschneiden; am Beginn ihrer Karriere haben sie sich das wahrscheinlich anders ausgemalt. Ich gehöre zu den Glücksbegünstigten, die es besser getroffen haben. Trotzdem habe ich immer wieder Gelegenheit gehabt, Wohnhäuser zu bauen und das mit Engagement getan. Einer der Gründe mag in meiner Kindheit zu finden sein, wo ich meine ersten Erfahrungen von Raum, Licht, Enge und Weite nicht in Kirchen, Museen und sonstigen Repräsentationsbauten gemacht habe, sondern in jenem ärmlichen, gründerzeitlichen Wiener Zinshaus, in dem ich aufgewachsen bin. Dort erlebte ich - wenn auch nur ansatzweise - das meiste, was mir auch in späteren Jahren beim Wohnen wichtig sein sollte. Sicher hat die kindliche Fantasie mehr aus dem gemacht, was dort tatsächlich zu finden war. Tatsächlich hat es mich aber, wie ich glaube, entscheidend geprägt.


Ich habe immer in attraktiven Wohnungen gelebt. Auch jene, welche meine erste Frau Ingrid und ich zur Untermiete bezogen hatten, war ungewöhnlich gewesen. In einem kleinen dreigeschossigen, villenartigen Haus am Rand des Währinger Cottage-Viertel gelegen, waren die Wohnungen rund um das gewendelte Stiegenhaus angeordnet. Diese Treppe hatte nicht etwa nur in jedem Geschoß ein Podest, von dem die Wohnungen zu betreten waren. Der findige Baumeister hatte zwischen jedem Stockwerk zwei Zwischenpodeste eingefügt. Auf diese Weise entstand für jede Wohnung die Möglichkeit, diese etwa einen Meter höher zu betreten und, bei dort geringerer Raumhöhe, durch das Vorzimmer ein paar Stufen hinunter, vorbei an Küche und Bad, schließlich nochmals über Stufen weiter in das große Wohnzimmer zu kommen. Dieses hatte dann wieder die um einen Meter vergrößerte Raumhöhe und damit angenehme Proportionen. Analog dazu waren dann in der darunterliegenden Wohnung die Räume entsprechend vertauscht. Dort wo wir das hohe Wohnzimmer hatten waren Vorraum, Küche und Bad usw. Mit anderen Worten, wir lebten dort in einem Gebäude, das die Grundsätze des berühmten Raumplanes, wie ihn dann Adolf Loos einige Jahrzehnte später für seine räumlich komplexen Villen "erfand", in höchst selbstverständlicher und durchaus für uns attraktiver Weise angewendet hatte. Von außen war an diesem Haus nichts ungewöhnlich und die gegeneinander versetzten Geschoße nicht erkennbar, weshalb es den über den "Raumplan" arbeitenden Wiener Architekturhistorikern wohl entgangen sein mag. Aber vielleicht hat ja Loos dieses Haus gekannt.


Einen nicht ganz unwesentlichen Nachteil hatte die räumlich interessante Wohnung allerdings: Die Hausbesitzerin, Frau Bartosch, wohnte im selben Haus und gehörte zur selten gewordenen Spezies der Wiener Hausdrachen, denen H. v. Doderer ein unnachahmlich grausliches Denkmal in seinen Wiener Romanen gesetzt hat. Das Haus betreten zu können, oder zu verlassen, ohne sie zu sehen, war ein seltenes Vergnügen. So war es Hausfremden praktisch unmöglich hereinzukommen, ohne von ihr gestellt und in der Folge ausführlich befragt zu werden, zu wem man denn eigentlich hier wolle und wenn ja, wie lange man zu bleiben gedenke. Zumeist war sie damit beschäftigt irgendwo herumzukehren, zu wischen, oder einfach nur auf einem der zahlreichen Stiegenpodeste mit dem Besen in der Hand dazustehen im billigen Hauskleid und einem Kopftuch, das nach Art von Bäuerinnen oder Wäschemädeln in alten österreichischen Heimatfilmen, oder ähnlichen Elaboraten einer immer schon verdächtigen, angeblichen Folklore, oben zum strengen Knoten geschlungen war. In den ersten Zeit läutete sie mindestens zweimal jede Woche an unserer Wohnungstüre unter immer fadenscheinigeren Vorwänden und versuchte dabei, in die Wohnung hineinzuspähen. Das ordneten wir nur anfangs der Sorge um ihre zahlreichen Möbel zu, die wir beim Einziehen übernehmen mussten. Diese waren von der Sorte "Altdeutsch" wie man sie vielleicht noch bei alten Hofratswitwen finden konnte. Für uns grauenvolle Repliken, hilflos scheiternde Versuche, so etwas wie ein bürgerlich seriöses Ambiente herzustellen. Um nichts weniger schlimm war der ordinäre, schwarz-rot-gemusterte Kunststoffboden, der auf den darunter liegenden alten Parkettboden aufgeklebt worden war im Bestreben, diesen vor dem Mutwillen achtloser Mieter zu schonen. Mein unwillig, verärgertes Reagieren auf ihre nicht stoppbaren Besichtigungsversuche, die sie immer abstruser argumentieren musste, waren doch bald alle nur irgendwie plausiblen Argumente ausgegangen, unsere Wohnung zu betreten. Das Maß war voll als sie Ingrid wieder einmal an der Wohnungstüre überraschte und anbot, sie könne gerne gleich unsere Bettwäsche abziehen, um sie bei sich zu waschen. Jetzt war tatsächlich das Maß der Unbill voll. Ich entschloss mich zu einer Radikallösung.


Wir besorgten Sackjute, die man in meterbreiten Bahnen und dicken Rollen kaufen konnte, große, 2 Meter hohe Spanplatten, Farbe und Tapetenkleister. Die Jutebahnen klebten wir vollflächig mit dem Kleister auf alle Kunststoffböden, was gar nicht so schlecht aussah und uns ästhetisch befriedigte. Nur im Vorraum und der Küche durften weiterhin die Kunststoffbeläge unsere Augen beleidigen. In einer Ecke des großen Wohnzimmers aber errichtete ich mit den Spanplatten einen 2m hohen, weiß gestrichenen Verschlag, hinter dem wir sämtliche altdeutschen Prachtstücke, sorgfältig ineinander geschlichtet, auftürmten. In einem zweiten Schritt kaufte ich bei der Ottakringer Brauerei zahllose ausgemusterte, hölzerne Bierkisten ein. Die bekamen einen orange-roten Anstrich und dienten uns als Hocker, Sofa- und Tischunterbauten und Bettpodest. Alles sah jetzt fantastisch zu uns passend aus, wir waren begeistert und fühlten uns zuhause in einer eigenen Wohnung.


Und schließlich kam unvermeidbar bald der große Tag, an dem ich ein für alle Mal die ungebetenen Bartosch-Besuche abstellen wollte: Ich hatte vor, die Hausbesitzerin beim nächsten Anläuten hereinzubitten und durch die Wohnung zu führen. Wir rechneten damit, danach ein Kündigungsschreiben oder einen Anwaltbrief zu bekommen. Überrascht von meiner Bereitschaft, sie hereinzubitten, betrat sie den Vorraum, wo ja noch alles so war wie sie es kannte. Dort erklärte ich in knappen 2 Sätzen, einige kleine Veränderungen vorgenommen zu haben, um ihre kostbaren alten Möbel und den Kunststoffboden zu schonen. Mehr sagte ich nicht, als sie, über die Stufen hinunter, in die Tiefe der Wohnung weiterging. Sie dreht sich fassungslos herum, schaute ins Schlafzimmer, ins Wohnzimmer, ging wieder zurück und brachte nur heraus: "Aber wo sind denn um Gottes Willen meine Möbel, was haben sie denn mit dem Fußboden gemacht?" Ich wiederholte meine vorbereiteten knappen zwei Sätze und zeigte auf den Verschlag und ließ sie hineinschauen in die eindrucksvollen Möbeltürme.


Mehr habe ich damals nicht gesagt zur Erklärung. Das war auch nicht notwendig, denn wie sich herausstellte, erhielten wir keine unangenehmen Briefe und das ungebetene Anläuten an der Wohnungstür sollte in der Folge auch ausbleiben. Hatte Frau Bartosch bislang beim "zufälligen" Zusammentreffen im Treppenhaus mich mit Herr Steiner begrüßt, so war ich ab ihrem letzten ungebetenen Besuch zum Diplomingenieur aufgestiegen.


Wir haben nach eineinhalb Jahren dann Frau Bartosch verlassen und sind an den Rand des dritten Bezirks übersiedelt in eine große Erdgeschoßwohnung. Vier ca. 30m² messende Zimmer, in einer Flucht aufgereiht, mit allen Fenstern zur Nebenfahrbahn des Wiener Heumarkts. Die Nebenfahrbahn hat dort die Besonderheit, eineinhalb Meter tiefer als die anschließende Hauptfahrbahn zu liegen, auf der sich Tag für Tag dichte Autokolonnen vor unseren Fenstern vorbeiwälzten. Die Auspuffrohre hatten wir, wegen der interessanten Höhenlage der Fahrbahn, im Wohnzimmer sitzend, in Augenhöhe. Welcher Teufel hatte uns geritten, diese Wohnung zu mieten? Wir hatten zentral wohnen wollen mit viel Platz. Das war hier zu finden gewesen. Jung wie wir damals gewesen sind, störte uns nicht der Lärm der vorbeirollenden Autos (man kann ja die Fenster geschlossen halten) und die miese Aussicht, wir montierten einfach bunt gestreifte Rollos vor die Fenster. Was den Ausschlag gegeben hatte, waren die kassettierten Tonnengewölbe, die bis zu 4,5 Meter hoch waren. Die eindrucksvollen Kassetten waren zwar nur aufgemalt, aber in Imitation barocker Scheinarchitektur bei flüchtigem Hinschauen durchaus eindrucksvoll dreidimensional. Als ich die Wohnung (ohne Ingrid) zur ersten Besichtigung betrat, waren alle Flügeltüren zwischen den 4 Haupträumen offen. Ich schaute und konnte nicht aufhören, die 25m lange Zimmerflucht entlang und hinauf ins Gewölbe zu schauen. Ich war einfach hingerissen. Hier mussten wir wohnen. Dass ich dann Abend für Abend ungefähr ein Jahr lang damit beschäftigt war, die desolaten Böden, die lebensgefährlichen, total veralteten Elektroinstallationen, das desolate, vergammelte Bad, die schwedischen Kachelöfen und vieles andere wieder instandzusetzen oder überhaupt zu ersetzen, hatte ich nicht bedacht. Aber ein Jahr geht vorbei und wir genossen es , dort zu wohnen. Am Rande bleibt zu erwähnen, dass mir die barocke Scheinarchitektur am Gewölbe zunehmend auf die Nerven ging und ich sie schließlich weiß übermalen ließ.


Später habe ich zufällig erfahren, dass in den Kellerräumen direkt unter unserer Wohnung einige Wiener Aktionisten Anfang der 1960er-Jahre gearbeitet haben. Dort hat Hermann Nitsch erstmalig Lammblut vergossen, assistiert von Mühl und Frohner, die später aber anderen künstlerische Wegen folgten. Als wir dort wohnten, wurde in den Kellergewölben nicht mehr Blut, sondern Schweiß vergossen. Ein Kraftsportverein hatte dort Quartier bezogen, von der Straße her nur hin und wieder bemerkbar, wenn mit schweren Muskeln bepackte junge Männer, direkt unter unseren Fenstern, vom Gehsteig aus, geduckt hinter einer ziemlich niedrigen, schmalen Holztüre im Keller verschwanden. Ob der Kraftsportverein - damals sagte man noch nicht Fitnesscenter zu solchen Unternehmungen, da ging es ehrlicherweise schlichtweg nur um rohe, körperliche Kraft - ein Ableger der in der gegenüberliegenden Freiluftarena am Heumarkt werkenden Profi-Freistilringer war, entzieht sich meiner Wahrnehmung. Wahrnehmbar waren allerdings unüberhörbar in den Sommermonaten die Schlachtrufe der Fans, die den sorgfältig geprobten und spektakulär inszenierten Show-Kämpfen der Athleten mit Grölen, anfeuernden Parolen und manchmal aufzuckendem wildem Gekreische in ausufernder Begeisterung folgten. Der vom Publikum liebevoll "Schurl" gerufene Wiener Lokalmatador Georg Blemenschütz (zufälligerweise auch Organisator dieser Kämpfe) war selbstverständlich am Ende eines langen Kampfabends, vielbejubelter Sieger..  Zuvor hatte er aber oft unfassbare Schmerzen zu erleiden, wenn ihm z.B. der fiese, vergleichsweise dünne "Itaka" (der in Wirklichkeit ein waschechter Meidlinger war) von hinten seinen Kopf umfassend, die Nase nach oben riss, sodass das Theaterblut mit heftigem Strahl herausschoss. Da konnte es auch vorkommen, wenn der Schiedsrichter die hinterhältige, regelwidrige Attacke nicht zumindest mit einer Verwarnung des Fieslings geahndet hatte, dass der darüber wütende "Schurl" nicht seinen miesen Gegner, sondern den Unparteiischen selbst, unter tatkräftiger Mithilfe des "Itaka", mittels Verabreichung seiner gefürchtet mächtigen "Gnackwatschn" in hohem Bogen aus dem Ring warf. Das brachte dann regelmäßig die bis zu den obersten Rängen ausverkaufte Arena zu begeistertem Toben. Die Sympathie des Publikums für seine Lieblinge war beeindruckend.  Man konnte da, wie mir berichtet wurde, einmal einer gut gekleideten, in den vordersten Reihen möglichst nahe am Ring sitzenden nicht mehr ganz jungen Dame dabei zusehen - oder zutreffender gesagt zuhören - wie sie, in die atemlose Stille einer gefährlichen Szene hineinrufend, ihrem Hero  feurig zur Seite stand: "Schurl, reiß eam des Beischl aussi!" Der unzweideutigen Aufforderung folgte gellendes Gelächter bis hinauf in die Ränge. Wir aber, in unserer Wohnung "zu ebener Erd‘", mussten uns leider in der Regel mit dem zweifelhaften Genuss bloß akustischer Wahrnehmung beschränken. Das änderte sich nur, wenn wir zuweilen von einem im obersten Stockwerk unseres Hauses lebenden Ehepaar eingeladen wurden, dem martialischen Treiben am Heumarkt von ihren geöffneten Fenstern aus zuzusehen. Da lag also tief unter uns die Arena der Gladiatoren. Und so saßen wir dann an so manchem milden Sommerabend dort oben, um, bei gutem Rotwein und Knabbergebäck, den unten tobenden Leidenschaften zuzusehen und vor allem zuzuhören.


Georg Blemenschütz trat noch mit 67 am Heumarkt auf, musste aber in Kauf nehmen, dass er schon längst für das Publikum nicht mehr der "Schurl" sondern die "Mumie vom Heumarkt" war. Schließlich hat er dann doch aufgehört und wurde als Organisator der Kämpfe vom unfassbar dicken Otto Walz abgelöst, der jahrzehntelang der Böse vom Dienst gewesen war. Nachzutragen wäre noch an dieser Stelle, dass ich die Heroen vom Heumarkt schon in meiner Gymnasiumzeit im Strandbad Gänsehäufel, wo ich während der Sommerferien täglich zu finden war, beim Training bewundern durfte. Dort versammelten sich die Catcher, um miteinander ihre zum Teil wirklich artistischen Fähigkeiten und martialischen Tricks einzuüben, mit denen sie dann ihr abendliches Publikum verblüfften.


Nach der Trennung von Ingrid, meiner ersten Frau, bin ich dann 1994 in die Liechtensteinstraße 20, nahe bei der Strudelhofstiege gezogen. Wohnungssuche war damals ziemlich mühsam. Die freien Wohnungen wurden in den Samstagausgaben der Tageszeitungen per Inserat in knapp gehaltenen Texten angeboten. Knapp deshalb, weil das Annoncieren teuer und nach Textlänge zu bezahlen war. Es gehörte eine gewisse Routine dazu, aus den spärlichen Angaben erkennen zu können, ob die Wohnung in Frage kommen könnte, denn nur Eingeweihte konnten die Informationen entschlüsseln. Die Sprache der Immobilienmakler musste ich "in praxi" nach der "Try and Error-Methode" unter beträchtlichem Zeitaufwand erwerben. Ihr Geheimnis war das nicht Benennen dessen, was entscheidend war. War nicht von "sehr ruhiger Wohnlage" die Rede, musste man nicht unbedingt damit rechnen, vor den Fenstern eine vorbeiziehende Stadtautobahn vorzufinden, eine Hauptverkehrsstraße vor dem Haustor konnte es aber schon sein. Und wenn die "schönen Zimmer" nicht als "sonnig" angepriesen wurden, waren es vielleicht nicht solche in finsteren Hinterhöfen, aber helle, lichtdurchflutete Räume sollte man besser dort nicht erwarten.


Erfahrene Wohnungssucher kauften schon Freitagnacht den "Samstagkurier", um dann am nächsten Morgen der erste Anrufer sein zu können. Auch diese Kundigen mussten aber damit rechnen, zumindest zu Dritt mit ähnlich Erfahrenen zur Besichtigung zu kommen. Diese Sucher erkannte man leicht am schnellen Durchlaufen der Wohnung, das offenbar genügte, um zu erkennen, ob man sich hier länger umtun sollte. Nach einigen sinnlosen Versuchen ging ich nach dem Vorbild der Routiniers dazu über, nach Möglichkeit einige eng gestaffelte Besichtigungstermine zu vereinbaren, die ich dann im Schnelldurchlauf absolvierte.


Und so kam ich dann, nach vielen erfolglosen Versuchen, zu meiner Dachgeschoßwohnung. Auch diese war eine "Liebe auf den ersten Blick". Ich betrat als Erster die Wohnung, hatte schnell erkannt, dass sie mir gefiel. Nach einer knappen Minute war ich wieder draußen am Gang, denn zuvor hatte ich schon bemerkt, dass einige Meter weiter eine verschlossene Deckenöffnung und daneben eine an der Wand hängende Stahlleiter montiert war. Während die anderen Interessenten noch in der Wohnung mit dem Makler redeten, hatte ich schon die Leiter zur Luke aufgestellt, den Verschlussdeckel hochgeklappt und aufs darüber liegende Flachdach gestiegen. Da stand ich jetzt, hoch über den Dächern Wiens, mit freiem Blick zum Wienerwald, zum "Steffl" und hinüber ins Donautal. Muss ich noch mehr sagen?


Zwei eng miteinander verknüpfte Dinge machten diese Wohnung für mich zu etwas Besonderem. Einerseits das Erleben der Weite über den Dächern Wiens und drinnen der quadratische, 50m² große Wohnraum mit einem hochliegenden, den Blick nur in den Himmel, nicht zu dem gegenüber liegenden Haus öffnenden, nordgerichteten Fenster, das den Raum gleichmäßig mit Licht durchflutete. Ein Fenster wie man es häufig in Ateliers von Malern vorfindet, die keinen blendenden Sonnenschein auf ihrer Leinwand, aber viel Licht benötigen. Tatsächlich habe ich viel später erfahren, dass hier der Maler Richard Gerstl gelebt und sich, gerade 25 Jahre alt geworden, zuerst mit einem Messer in den Hals gstochen und danach aufgehängt hat. Zuvor ist er bei den Schönbergs ein und aus gegangen. Der neun Jahre ältere Arnold, damals als "Neutöner" Zentrum des avantgardistischen Wiener "Schönberg-Kreises", hatte das rebellische junge Talent fördernd unter seine Fittiche genommen und verschaffte ihm Portrait-Aufträge aus dem Wiener Bürgertum. Seine Frau Mathilde nahm sich gleichfalls seiner an und stürzte sich in eine leidenschaftliche Affäre mit dem sechs Jahre jüngeren Mann. Das ging 2 Jahre gut, bis der betrogene Gatte das Paar in flagranti erwischte. Mathilde verließ vorerst Mann und Kinder für ihren Geliebten, um schlussendlich doch ins bürgerliche Heim zurückzukehren, 2 Monate später war Gerstl tot.


Ich aber verbrachte hier 5 glückliche Jahre, in denen ich die besonderen Qualitäten der neuen Wohnsituation zunehmen zu schätzen lernte. Die Vorzüge, mitten im betriebsamen Zentrum der Stadt zu leben - das hatte ich auch am Heumarkt erlebt. War das dort noch mit einem andauernd erhöhten Geräuschpegel verbunden, der nur in der Nacht abebbte, so war das hier ganz konträr. Dort hatte ich tatsächlich im Wortsinn "zu ebener Erd", mitten im Stadtlärm gelebt. Hier aber hoch über der Stadt herrschte Stille. Nur wenn ich über die kleine Bodentreppe, die ich mir inzwischen in der Wohnung einbauen hatte lassen,  auf das darüber liegende Flachdach hinaufstieg, war das tief unten liegende Summen der Großstadt zu hören. Hier oben verbrachte ich viel meiner knappen Freizeit. Das mit einfacher, schwarzer Dachpappe gedeckte Flachdach war nur für den Rauchfangkehrer vom Stiegenhaus über die eingangs beschriebene Luke und für mich zugänglich. So gehörte die große Fläche alleine mir, da war sonst niemand, nur gegenüber auf der anderen Seite des Daches war manchmal eine dort wohnende Malerin zu sehen, die gleichfalls die Zurückgezogenheit vorzog, sodass wir uns in der Regel nur aus der Ferne freundlich zunickten. Schon bald hatte ich mir hier oben einen kleinen holzbelegten Terrassenbereich mit einigen Sträuchern und Tomatenpflanzen geschaffen, wo ich so manche laue Sommernacht allein oder mit Gästen verbrachte. Das war nicht ganz ungefährlich, denn zu fortgeschrittener Stunde und nach entsprechendem Alkoholgenuss die recht steile, schmale "Hühnertreppe" unfallfrei hinunter zu turnen, war eine Übung nicht ganz einfacher Art.


In diesen 5 Jahren wurden Eva und ich ein Paar. Ich hatte sie einige Monate nach meinem Umzug in die Liechtensteinstraße bei Freunden kennengelernt. Wir besuchten uns wechselseitig an den Wochenenden in unseren nicht weit entfernt zueinander liegenden Wohnungen und wuchsen, beide nach gescheiterten Ehen vorsichtig geworden, allmählich zusammen. Eva lebte gleichfalls oben, nahe zum Dach. Dort wohnte sie zusammen mit ihrer Tochter Anna. Als Anna achtzehn geworden war, zog sie aus der mütterlichen Wohnung aus und in eine nahe gelegene Garcionerre um. Das traf damit zusammen, dass der auf 5 Jahre abgeschlossenen Mietvertrag der Liechtensteinstraße auslief. So beschlossen wir, in Evas Haizingergassen-Wohnung zusammenzuziehen.


Es war die erste Wohnung, die nicht ich, sondern "die mich ausgesucht hatte" und zur schönsten werden sollte unter allen jenen, in denen ich bisher als Erwachsener gelebt hatte. Natürlich blieb uns nicht verborgen, dass der direkt darüber liegende, für einen Ausbau ungenügend hohe Dachboden Potential bot, die Attraktivität der niedrigen Räume dieser im Winter, wegen der wenigen und noch dazu kleinen Fenster, recht dunklen Wohnung, merkbar zu verbessern. Die im Haus wohnenden Besitzer machten uns keine Schwierigkeiten bei der Umsetzung unserer Umbaupläne. Wir bezogen nach und nach das Volumen des bisher nur von Siebenschläfern genutzten Dachraumes in die Wohnräume ein und brachten mit mehreren Dachflächenfenstern viel zusätzliches Licht in die Räume. Später dann ergänzt durch eine kleine ins Dach hineingeschnittene Terrasse hatten wir alles, was wir brauchten. Wir hatten viel Platz für große (und natürlich auch kleine) Einladungen, Eva ihre separierte Praxis Tür an Tür, ich einen Arbeitsplatz, wo ich mich ausbreiten konnte, die strahlend helle Wohnküche….Was hätten wir uns hier noch wünschen sollen für unser beider neuen Lebensabschnitt?


Nun, Eva hatte schon in den Anfängen unserer Beziehung von einem kleinen Häuschen, vielleicht mit Garten, geschwärmt, für mich war das nicht vorstellbar gewesen. Ihre Sehnsucht war nicht ganz verschwunden, es war nur Anderes im Vordergrund gestanden. Beide arbeiteten wir viel, immer wieder gemeinsame, häufige Urlaubsreisen drängten wohl Gedanken an etwas Eigenem am Land zurück. Nach einem Besuch bei Freunden in Altaussee und einem Spaziergang im Schnürlregen rund um den zaubrisch schimmernden See, redeten wir wieder darüber. Auch ich hatte mich in den vergangenen gemeinsamen Jahren geändert und der Gedanke begann mir zunehmend zu gefallen. Wir entschieden uns, nach Häusern bzw. Grundstücken zu suchen, die nicht weiter als eine "Autostunde" von unserer damaligen Wohnung in der Haizingergasse entfernt waren. Das sollte sicherstellen, dass es nicht nur für längere Ferien nutzbar, sondern auch an den Wochenenden schnell erreichbar wäre.


Nachdem wir uns einige Gegenden rund um Wien angesehen hatten, ohne wirklich "angebissen" zu haben, blieb nur mehr die Gegend beim Neusiedler See übrig. Wir fuhren Ende März 2001 auf der B50 von Neusiedl in Richtung Donnerskirchen und konnten uns nicht sattsehen an der sanften, von zahllosen in voller Blüte stehenden Kirschbäumen zart betupften Hügellandschaft, die im späten Nachmittagslicht glänzte. Da mussten wir nicht länger weiter suchen, hier musste es sein.


Ich durchsuchte danach die einschlägigen Angebote im Internet, sprach mit Immobilienanbietern und fuhr anschließend eine Woche lang alle befahrbaren Straßen entlang des Südhanges des Leitha-Gebirges ab, besuchte die Gemeindeämter, Gasthäuser und fragte überall herum. Am Ende der Woche gab es einige wenige Grundstücke zwischen Donnerskirchen und Jois, die ich mit Evi gemeinsam noch einmal anschauen wollte. Wir machten das am Wochenende, eines nach dem anderen. Um es kurz zu machen: Von Mal zu Mal sank unsere Hoffnung, denn nichts entsprach unseren Vorstellungen. Die Begeisterung unserer ersten Fahrt durch die zauberisch glänzende Kirschblütenlandschaft war verflogen. Enttäuscht macht wir uns auf die Rückfahrt über das Leitha-Gebirge Richtung Wien. Knapp bevor die Straße in den Wald eintaucht, entdeckte Evi am Wegrand ein improvisiertes, pfeilförmiges Holzschild mit der handgemalten Aufschrift: "Ferienwohnungen zu mieten" und daneben eine Handynummer. Wir bogen ab, um nachzusehen. Ein geschotterter Güterweg, ein desolater Maschendrahtzaun und ein Holzstoß, dahinter eine Baumgruppe, rechts davon ein kleines, eingeschossiges Haus am Fuß einer Böschung, sodass man fast auf das Flachdach sehen konnte. Wir stiegen über den Holzstoß und unvermittelt sahen wir zwischen den Baumstämmen die überwältigende Weite des Sees vor uns, in der Tiefe der Ebene glitzernd. Waren wir aufgeregt? Ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls kletterten wir über den Holzstoß zurück auf den Güterweg. Vorm Einsteigen ins Auto schrieben wir uns - überflüssigerweise, wie wir meinten - doch noch die Mobilnummer am Wegweiser auf und fuhren nach Wien. Der unvermutete Blick auf den See war wunderbar gewesen und hatte uns gleich danach noch nieder-geschlagener gemacht, nach dieser aufwändigen und doch ergebnislosen Suche. Denn dieser Platz wäre es gewesen, aber Ferienwohnungen wollten wir gewiss nicht mieten.


Nach dem Abendessen in Wien resümierten wir die mühsame Woche und Evi meinte, es wäre sinnlos die Mobilnummer anzurufen. Was soll´s, dachte ich, und rief trotzdem an.


Eine mürrische Stimme meldete sich: "Steinwender".


"Ich habe heute ihr Schild "Ferienwohnungen zu mieten in Winden gesehen".


"Ok, wollen sie mieten?"


"Nein, aber würden sie vielleicht verkaufen?"


Kurze Pause, danach: "Reden kann man über alles"


Am nächsten Tag bin ich wieder, ausgerüstet mit einer Leiter, hinaus zu den Ferienappartements gefahren und über den Zaun hinauf auf das Flachdach gestiegen um zu sehen, ob die Aussicht zum See hinunter tatsächlich so weit sein würde wie es uns am Vortag erschienen war. Ich war überwältigt und aufgeregt, denn hier - und zwar nur hier - in dieser Lage hoch über dem See, wollte ich einmal sitzen, vertieft in den Anblick des weiten Horizonts. In den folgenden, 5 Monate lang dauernden, zähen Verhandlungen, hielt mich oft nur die Erinnerung daran davon zurück, endgültig "das Handtuch zu werfen".


Es war aufregend. Wir hatten bisher immer in Mietwohnungen gelebt, die wir zwar immer an unsere Bedürfnisse anpassen konnten, aber eben doch immer innerhalb begrenzter Möglichkeiten. Hier hatten wir endlich Gelegenheit, vieles von dem zu realisieren, was bisher nicht umsetzbar gewesen war. Eigentlich hatten wir bei der Suche nach einem geeigneten Grundstück nur vorgehabt, ein kleines Ferienhaus zu bauen. Unser Bauleiter hatte mir geraten, doch den von uns erworbenen eingeschossigen Bau aus den 1950er-Jahren wegen seiner schlechten Bausubstanz abzureißen. Das wollten wir nicht. Für unsere Vorstellung vom Wohnen war das Gebäude allerdings denkbar ungeeignet. So entstand die Idee, die unteren Zimmer im Wesentlichen in ihrer Substanz zu belassen, nur die Oberflächen zu sanieren und alles neu einzurichten. Eine Einheit sollte unserer Tochter Anna gehören, eine weitere Gästen vorbehalten bleiben. Die restliche Fläche im Erdgeschoß bot genügend Raum, um hier draußen, abseits des Trubels meines Wiener Büros, in Ruhe an Entwürfen arbeiten zu können. Auf diesen Bestandsbau sollte dann unsere Wohnung aufgesetzt werden. Ein einfacher Kubus mit Glaswänden, die den Blick öffnen hinauf in die Weingärten und hinunter zum See.


So hatten wir es uns ausgedacht, so geplant und so haben wir es dann auch schließlich gebaut. Aber wie würde es sich in der Realität bewähren?


Um es kurz zu sagen: Am Ende unseres ersten Sommers in Winden waren wir glücklich. Während der Woche freuten wir uns, bei aller Liebe zu unserer Wiener Wohnung, auf das Wochenende am "Gruibert". Und als die kalten Tage nahten, war es gar keine Frage, dass wir in unserem "Schönwetter-Ferienhaus" auch im Winter wohnen wollten. Es lockte uns der wöchentliche Wechsel aus der in den kurzen Tagen doch recht introvertierten Wiener Wohnung hinaus in unser Glashaus. Als Stadtkinder hatten wir die Jahreszeiten wohl nur auf Urlauben und gelegentlichen Ausflügen erlebt. Schlechtes Wetter war immer zu fürchten, bestenfalls erduldet worden. Das wurde jetzt anders. Oft saßen wir einfach nur da, von den großen Glasfronten geschützt, fasziniert betrachtend das Spiel der Wolken und der Lichter am See. So geschah es also, dass die zahlreichen Reisen unserer ersten gemeinsamen Jahre bald weniger wurden.


Schon bald sollte sich herausstellen, dass man uns gerne draußen am Neusiedlersee besuchte. Genauso hatten wir uns das gewünscht. Die Nähe zur Großstadt, die für uns ein entscheidendes Auswahlkriterium bei der Suche nach einem passenden Grundstück gewesen war, erleichterte Freunden und Verwandten den Entschluss, auf einen Besuch bei uns, draußen am See, vorbeizuschauen. Auch Anna sollte bald beginnen, Freunde zu sich hierher einzuladen, und so wurde das Haus über dem See, vor allem in der warmen Jahreshälfte, zum Lebensmittelpunkt unserer kleinen Familie.


Das galt auch für unseren geliebten Kater Gigo, dem allerdings, als altem Herrn, die verwirrenden Sensationen eines Lebens "an der frischen Luft" doch ein wenig unheimlich waren. So beließen wir es dabei, wie er es von Wien gewohnt war, ihn nur im Haus zu halten und dort zu verwöhnen. Damit war er dann auch durchaus zufrieden. Er war eben doch ein echter Stadtkater.


Unser Entschluss das alte Gebäude zu erhalten und ein neues Geschoß darauf zu setzen, sollte sich nun sehr bewähren. Das Haus bot, zusammen mit den geräumigen Terrassen und dem Garten, genügend Raum auch für zahlreiche Gäste. Ebenso erwies sich die hinaus ins Freie reichende Zweigeschoßigkeit als angenehme, gleichsam selbstverständliche Teilung. So konnte die jüngere Generation, wenn sie das wollte, auch für sich "zu ebener Erd" bleiben, ohne die Alten "im ersten Stock" zu stören.


Eva hatte ihre Präsenz an der Wiener Klinik reduziert, sodass wir oft schon Donnerstag abends oder Freitag früh hinausfahren konnten. Nirgendwo sonst konnte ich so ungestört und konzentriert an meinen Entwürfen arbeiten. Platz war hier mehr als genug, um mich auszubreiten zu können. Entweder oben im Großraum, wo ich untertags arbeitete, um nicht ganz vom Zusammenleben mit Eva abgeschnitten zu sein; oder auch unten im kleinen Büro, wenn der Rückzug erforderlich war. Dort vor allem in langen Nächten, in denen ich an meinen Wettbewerbsentwürfen zeichnete. Eva ging zu Bett und unser alter Kater Gigo leistete mir Gesellschaft, im Lichtkegel meiner Arbeitslampe ruhend. Nirgendwo sonst habe ich das langsame Heraufdämmern des Tages so eindrucksvoll erlebt, wie in diesen intensiven Nächten. Wenn ich es recht bedenke, habe ich in Winden mehr als im Wiener Büro gearbeitet. Wien - das war der Ort, um Organisatorisches, Termine und Mitarbeiterbetreuung zu erledigen. Büroarbeit eben. Winden war der Platz für den kreativen Teil meines Arbeitslebens. Befreiend war es, wenn ich manchmal nicht mehr weiter wusste, einfach hinausgehen zu können, um mich mit Gartenarbeit abzulenken oder im Fitnessraum die Anspannung loszuwerden. Für Eva war das manchmal schwer zu ertragen, denn oft versank ich völlig im Arbeitsrausch und registrierte nichts mehr von dem, was um mich herum geschah. Im Ganzen gesehen, genossen wir jedoch beide diese für uns neue Form des Zusammenlebens.


Mit den Enkelkindern bekam der große untere Garten neue Funktionen, abseits der Ästhetik einer von inzwischen üppig wuchernden Sträuchern, Bäumen und dem unverzichtbaren Gemüsebeet gerahmten Wiese. Anfangs eine zum benachbarten Acker eine angenehme Distanz schaffende leere, sich nach unten verjüngende Rasenfläche, bekam sie nach und nach mit Einzug der Enkelkinder eine Schaukel, dann ein Trampolin und nicht zu vergessen eine stiegenbegleitende, grüne Kinderrutsche. Evi hat sie dann auch zum Stapellauf als Erste ausprobiert. Mit etwas Glück ist sie mit dem bloßen Schrecken unfallfrei davongekommen, denn das vom Hersteller gelieferte horizontale Endstück war zu kurz, um die beträchtliche Endgeschwindigkeit wirksam abzubremsen. Ich habe dann die Rutsche umgebaut und mit einem längeren Endstück versehen.


2015 sind Eva und ich dann von der Haizingergasse weggezogen. Die Trennung von dieser schönen Dachgeschoßwohnung fiel uns nicht leicht. Bei aller räumlichen Attraktivität - und die Lage am Rand des Cottage-Viertels, nahe zum Währinger Bezirkszentrum, war ja auch nicht die Schlechteste - mussten wir doch darüber nachdenken, wie wir hier mit den erwartbaren Defiziten des Alters zurande kommen könnten. Das Fehlen eines Aufzugs war etwas, das uns Sorgen bereitete. Und als dann noch eine jahrelange Baustelle im Haus, mit entsprechender Staub- und Lärmentwicklung, kein Ende absehen ließ, entschieden wir, uns nach einer neuen Wohnung umzusehen. Eva nahm das tatkräftig in die Hand und fand ein Neubauprojekt in der Nähe. Von dem war erst die Baugrube vorhanden, sodass wir unter den ersten Interessenten waren und uns die bestgeeignete Wohnung aussuchen konnten. Deren raumhohe, 9 Meter lange Glasfassade, im vorletzten Geschoß und nach Süden ausgerichtet, machte den entscheidenden Unterschied zu den üblichen Neubauwohnungen. Das war mehr als ungewöhnlich. Außerdem gab es nur eine kurze tragende Wand, sodass wir aus dem Volumen im Prinzip fast eine "Einraum-Wohnung machen konnten, nach dem Entfernen aller störenden Zwischenwände. Das war ein Konzept wie es sich in Winden für uns bewährt hatte. Da die Projektplanung des Hauses nicht abgeschlossen gewesen war, konnten wir den Grundriss fast frei nach unseren Bedürfnissen gestalten. Sie ist schön geworden, strahlend hell und großzügig. Heiter. Nichts darin ist auffällig, alles für uns selbstverständlich, geformt von den Erfahrungen eines langen Wohnlebens. Heute sitze ich hier, bald 80jährig, schreibend an meinem Arbeitsplatz und lasse die Wohnstätten meines bisherigen Lebens Revue passieren. Es waren anfangs immer alte Häuser gewesen, die ihre eigene, mehr oder weniger lange Geschichte und ihren eigenständigen, unverwechselbaren Charakter hatten. Dort habe ich gelernt, was mir beim Wohnen unverzichtbar ist. In den späteren Jahren hatte ich das Glück, diese Erfahrungen zunehmend bei der Gestaltung meines eigenen Lebensraumes in Neu- und Umbauten umsetzen zu können. Loos hat einmal dazu gesagt: "Wohnungen sind wie Maßanzüge. Sie müssen wie angegossen sitzen, nichts darf zwicken." Genau so habe ich versucht, es zu machen.

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