Kunst, Lüge und Moral (Dezember 2025)
VORBEMERKUNG
Vor kurzem wurde via Medien eine heftige Diskussion über das Verhältnis zwischen Moral und Kunst ausgetragen. Anlass war die Verleihung des höchsten Ehrenzeichens für Kunst der Republik Österreich an den griechisch-russischen Dirigenten Teodor Currentzis, Chef des Petersburger Orchesters MusicAeterna,das von der sanktionierten Gazprom finanziert wird. 2014, einen Monat nach der offiziellen Annexion der Krim, wurde ihm von Putin die russische Staatsbürgerschaft verliehen. Vorgeschlagen wurde Currentzis für diese Auszeichnung 2023 vom zuständigen Österreichischen Kunstsenat, dessen Vorsitz damals der Architekt Wolf Dieter Prix von Coop Himmelb(l)au hatte. Prix baute zu dieser Zeit gerade ein Opernhaus auf der Krim und einen Theater- und Museumskomplex in Sibirien.
In diesem Text beschäftige ich mich nicht damit, ob wir den großartigen Musiker verurteilen sollen, wenn er sich in PutinsPropagandamaschinerie einspannen lässt oder Wolf Dieter Prix,weil er auch für Diktatoren baut, sondern ich möchte darüber nachdenken, ob diese Konstellationen die Qualität eines Kunstwerks beeinflussen können, mit anderen Worten: Wird es schlecht, wenn es schlechten Zwecken dient?
1. WEISSE, GRAUE UND SCHWARZE LÜGEN
Die „Lüge“ hat einen schlechten Ruf und hat es im allgemeinen schwer damit, als Mittel der Kommunikation akzeptiert zu werden; wer lässt sich schon gerne „ein X für ein U“ vormachen. Bei Selbstbefragung wird aber jeder sich eingestehen müssen, dass man schwerlich immer nur mit wahren Aussagen anderen begegnen kann.
Mit einer generellen Verdammung würde man, wie ich meine, „das Kind mit dem Bad ausschütten“. Das absolute Lügenverbot möge Kantund Augustinus überlassen bleiben, die das tatsächlich allen Ernstes auch so unbarmherzig eindeutig gemeint haben, denn in der Praxis wird man damit schwerlich gut, freundlich und wohlgelitten durchs Leben kommen. Deshalb verwenden manche Psychologen und Soziologen zur Differenzierung die Unterscheidung zwischen weißen, grauen und schwarzen Lügen.
Mit dieser „Farbenlehre“ wird die Orientierung im weiten Feld der Lüge etwas leichter, denn nicht alles Lügen ist abgrundtief böse. Zweifellos tiefschwarz ist es, wenn Putin den brutalen Angriffskrieg zur „militärischen Spezialoperation“ umlügt, in der die Russen sich gegen das aggressive Naziregime in Kiew verteidigen müssten. Hier soll dem anderen geschadet werden wie bei jedem Betrug. Ganz im Kontrast dazu bezweckt die „weiße Lüge“ in der Regel, den „Belogenen“ zu nützen oder ihn zu schützen, ganz sicher aber nicht zu schaden. Wer hat noch nie über das nicht gefallende Geschenk gesagt, das sei aber ganz wunderbar, oder der besorgt nachfragenden Freundin bestätigt, dass die neue Bluse ihr „recht gut stehe“, obwohl man das nicht ganz so sieht. Im „grauen“ Zwischenreich der Lüge steht aber im Vordergrund zumeist nicht der Nutzen oder Schutz des Belogenen, auch nicht die Absicht zu schaden, sondern der Selbstschutz. Wie etwa, wenn man verschlafen und zu spät in der Arbeit erschienen ist und sich damit ausredet, „die Straßenbahn hätte eine Störung gehabt“. Auch viele Euphemismen gehören hierher. Gekündigte werden „freigesetzt“, das muffige Altersheim zur „Seniorenresidenz“ und die Rezession zum „Minuswachstum“.
Ein Äquivalent findet diese „Farbenlehre“ in der Verwendung von Umschreibungen, wenn man statt etwas als Lüge einzuordnen davon spricht, jemand „schwindle ein wenig“, oder etwas „entspräche nicht ganz der Wahrheit“, so als ob es etwas wie „halbe Wahrheiten“ gäbe. Diese „weißen“ und „grauen“ Redeweisen sind eine Kulturtechnik, die aus unseren Interaktionen nicht wegzudenken ist und oft das konfliktfreiere Miteinander erleichtert. Bei der „bösen“ Lüge allerdings verbieten sich abmindernde Redewendungen dieser Art, denn hier geht es darum, dem anderen zu schaden. Es kommt daher immer auf den Kontext an, in dem gelogen wird und zu welchem Zweck etwas vorgetäuscht wird.
2. AUCH IN DER KUNST WIRD EINEM GERNE „EIN X FÜR EIN U VORGEMACHT“, DAS VORTÄUSCHEN GEHÖRT ZU IHREM REPERTOIRE
Man denke nur an den Wettstreit der beiden Maler, von dem Plinius in seiner Naturalis Historia berichtet. Der eine wendet sich siegessicher, weil schon Vögel herbeigeflogen sind, um seine gemalten Trauben aufzupicken, dem hinter einem Vorhang verborgenen Bild des Konkurrenten zu. Der möge doch endlich den Vorhang wegziehen, um sein Bild herzuzeigen - da hatte er schon verloren, denn der Vorhang war ein gemalter. Wenn die große Tragödin an der Theaterrampe wild aufschluchzend den drapierten Stoffknäuel – ihr hingemordetes Kind – anklagend gegen den Himmel hebt und wir im Parkett von ihrem Schmerz bewegt werden, und wenn man unter der mit Scheinarchitektur übersteigerten barocken Kirchenkuppel vermeint, zwischen den herumschwebenden Engeln geradewegs in den Himmel zu schauen, wenn mit all diesen kunstvollen Arrangements die Täuschung gelungen ist, dann könnte man fragen: Aus welchen Gründen und für welche Zwecke wurden wir da angeschwindelt?
Danach in moralisierendem Tonfall zu fragen wäre unangebracht, denn man würde damit den Charakter der antreibenden Kräfte verkennen. Diese haben ihren Ausgangspunkt alleine im Spieltrieb des Kreativen, der seine Erfüllung darin findet, nach selbstbestimmten Spielregeln einen eigenständigen Kosmos im Kleinen, einen Organismus zu schaffen, eben zur Form zu bringen. Wenn das gelingt, ist eins mit dem anderen verbunden, nichts kann hinzugefügt, aber auch nichts mehr weggenommen werden, ohne dass damit nicht die „schöne“ Illusion, ein Ganzes zu sein, in sich leer zusammenfallen müsste. Das hat im Übrigen auch Geltung für dekonstruktivistische, mit Zerstörung arbeitende Konzepte.
Ohne Material gibt es für den Künstler nichts zu gestalten, ihm werden auch Zwecke zum Material in derselben Weise wie Töne, Worte, Gesten, Farben, Holz, Ton, Beton oder Stahl. Egal, ob er ein Requiem oder einen Schlager komponieren soll, einen Werbefilm oder für das Arthouse-Kino produziert, ein Kindergedicht oder eine Ode schreibt, aus Papierknäuel, Schlamm oder Marmor die Plastik formt, einen Tempel, eine Versammlungshalle, oder gar nur ein öffentliches Pissoir gestaltet - ihm ist alles nur Material, das zur Form, also in Zusammenhang gebracht werden muss. Und da wird das sogenannte „Außerkünstlerische“ genauso ein Teil des Ganzen wie alles andere. In diesem Kunstspiel verbindet sich der homo ludens mit dem homo faber. Natürlich macht es einen qualitativen Unterschied, ob man Schach oder „Mensch ärgere dich nicht“ spielt, ist man unterschiedlich gefordert beim Planen einer Kirche oder einer öffentlichen Bedürfnisanstalt, die Struktur des Gestaltungsprozesses ist trotzdem ähnlich, wenn auch weniger komplex.
3. MACHT KUNSTGENUSS UNS ZU BESSEREN MENSCHEN, MACHEN „SCHLECHTE“ ZWECKE, MACHEN „LÜGEN“ EIN KUNSTWERK ZU EINEM SCHLECHT GEMACHTEN?
Was kann schon R. Wagner dafür, wenn Nazigranden erschüttert Isoldes Liebestod lauschen und danach sich wieder ans Planen von Morden begeben. Kunst kann schon sehr viel, als bessere Menschen werden wir aber nicht das Opernhaus oder das Kino verlassen.
Es gäbe aber keine Propagandakunst, wenn nicht der Glaube an ihre Überzeugungskraft vorhanden wäre. Gerade die Lieblingsregisseure der Nationalsozialisten haben überaus gekonnt den Film dafür eingesetzt. Man denke z.B. an Gustav Ucickys berühmt-berüchtigte „Heimkehr“ mit den „Schauspielgrößen“ Paula Wessely und Attila Hörbiger; 1941 gedreht, um durch die frech gelogene Täter-Opfer-Umkehr den Überfall auf Polen nachträglich zu rechtfertigen. Der Film war enorm erfolgreich, Göbbels begeistert: „Das Größte, was jemals geschaffen wurde!“ prahlte er. Tatsächlich verdankt der Film die propagandistische Wirksamkeit seiner gelungenen künstlerischen Gestaltung. Die Aufführung des Films war nach dem Krieg verboten, wegen einer vermuteten Ansteckungsgefahr im Giftschrank weggesperrt, konnte er nur für wissenschaftliche Zwecke betrachtet werden.
Nicht jeder Künstler kommt gut zurecht mit dem Übergewicht der Zweckbestimmung, wenn diese, wie bei allen angewandten Künsten, ins Zentrum seiner Gestaltungsabsichten rücken muss. Das gilt im besonderen Ausmaß für das Bauen, wo zu erfüllende Zwecke Ausgangs- und Endpunkt allen künstlerischen Handelns sein müssen. Natürlich wird nicht jedes Bauen zu Architektur. Dazu gehört schon etwas mehr, als bloß Steine, Ziegel, Beton und Glas zusammenzufügen, um jeweiligen Zwecken zu dienen.
Zumindest jedenfalls sollte es gelingen, alle Teile aufeinander bezogen zu organisieren nach den freigewählten Spielregeln des Autors, in dem auch die jeweiligen Zwecke ihren Platz wie selbstverständlich finden können. Dabei hat der Architekt eine ähnliche Rolle wie der Filmemacher, sofern dieser Drehbuchautor und Regisseur in einem ist. Beide bewegen oft beachtliche Quantitäten an Personal und Kapital, sodass organisatorische und materielle Zwänge großen Einfluss ausüben können. Hier muss allerdings der Vergleich zwischen diesen so unterschiedlichen Medien der Kunst aufhören, um nicht fragwürdig zu werden.
Schon immer war Architektur ein Mittel, mit dem Machthabende, egal ob Individuen oder Organisationen, ihre Größe darstellen und durch Überwindung der zeitlichen Begrenzung ihrer eigenen Existenz, dauerhaft demonstrieren wollten. In diesem Wirkungsfeld ist sie tatsächlich auch Propagandakunst, sind Übertreibung und Täuschung unverzichtbare Gestaltungsmittel. Das gilt gleichermaßen für Pharaonen, die Repräsentanten kirchlicher oder weltlicher Macht oder die Potentaten der Neuzeit bis herauf in die unmittelbare Gegenwart. Es spielt keine Rolle, ob dabei zum Mittel der Überwältigung durch die schiere Masse wie bei den Pyramiden, die endlosen Raumfluchten im Schloss Versailles oder die monotone Gigantomanie auf Hitlers Reichsparteigelände gegriffen wurde, oder um mit prachtvoll glänzenden Dekorationen zu blenden. Immer geht es dabei um Repräsentation, also den Eindruck zu erwecken, der, die, oder das Repräsentierte wären bedeutend größer, wären gleich ihren stellvertretenden Architekturen alles übertreffend, man selbst daneben aber jedenfalls zwergenhaft klein. Die bombastische Übertreibung wird zum Stilmittel. Wie z.B. in den ägyptischen Tempeln von Karnak und Luxor, wo die Überwältigung durch alle Dimensionen sprengende, gewaltige Steinsäulen erzeugt wird, die maßlos dicker sind und wesentlich enger stehen, als das statisch erforderlich gewesen wäre. Raffinierter geht es im Barock zu. Da werden Scheinperspektiven, Verdoppelungen durch Spiegel, Licht und die glänzende Pracht des Goldes im Übermaß eingesetzt, um die kaum überwindbare Distanz zum Herrscher erleb- und fühlbar zu machen.
Dass psychologische und ästhetische Wirkungen in der Architektur mit Tricks erreicht werden, die uns „ein X für ein U vormachen“, müssen wir nicht wissen. Es schadet niemandem, dass die prächtigen Wandverkleidungen aus Marmorplatten in den Villen von Pompeji und in den Kirchen und Palästen der Renaissance, bis hinauf in unsere Gründerzeit, nur geschickt angemalter Mörtelverputz sind. Auch dass die prächtigen, massiv wirkenden Goldverzierungen barocker Prachtbauten aus dünnstem, aufgeklebten Blattgold gemacht wurden, schmälert gleichfalls nicht ihre Aura von Reichtum und Macht. Es braucht uns nicht zu kümmern, dass wir da vielleicht angeschwindelt werden.
Auch der Popanz im Weißen Haus möchte ein Großmächtiger sein und lässt sich einen Ballsaal bauen, der selbstverständlich größer und protzgoldiger als alles sein muss, was die Welt bisher gesehen hat. Es darf aber bezweifelt werden, dass später einmal irgendjemand eine kunsthistorische Dissertationen darüber verfassen wird.
Es gibt jedoch Bereiche, wo es nicht egal sein sollte, angelogen zu werden. Wien ist ein Touristenmagnet, was nicht zuletzt auch den zahlreichen, gut erhaltenen Bauten der Gründerzeit geschuldet ist. Die meisten dieser Gebäude sind Wohnhäuser mit oft prächtigen, reichgegliederten Fassaden. Man kann tagelang durch die Straßen flanieren und wird doch immer wieder überrascht werden vom Einfallsreichtum und vor allem auch der künstlerischen Qualität der Fassaden. Auch hier könnte man sagen, es müsse uns nicht kümmern, dass die eindrucksvollen Pilaster, Gesimse, Giebelchen, und Karyatiden nur aus dem Katalog bestellte, industrielle Massenware sind - Fertigteile aus Zement, die man dann abschließend auf die rohen Ziegelmauern draufgeklebt oder gehängt hat. Alles ist nur applizierter Schmuck, der aber beim Betrachter seine ästhetische Wirkung nicht verfehlt. Natürlich gibt es auch da große Qualitätsunterschiede, es gibt eben Besseres und Schlechtes, ziemlich Provinzielles. Dazu meinte A. Loos: „Wenn ich von der Oper nach dem Schwarzenbergplatz blicke, so habe ich das volle Gefühl: Ringstraße! Das Gefühl: Wien! Aber am Stubenring habe ich das Gefühl: Fünfstöckiges Mährisch-Ostrau.“ Den Bauherrn von damals, den Parvenus der Gründerzeit, wird es allerdings nicht gelungen sein, sich mit den Bauformen der Renaissancepaläste vom Geld- zum Erbadel hochschwindeln zu können.
In der Stadt wurde aber nicht nur für wohlhabende Bürger gebaut, es mussten ja auch hunderttausende Wohnungen für die in eine rasant wachsende Metropole strömenden Dienstboten, Handwerker, Tagelöhner und Industriearbeiter geschaffen werden. Behausungen für die Plebs. Das waren die Zinskasernen der Vorstädte mit ihren engen, rattenverseuchten Hinterhöfen und katastrophal überbelegten Kleinstwohnungen. Hier hauste die Schwindsucht, die nicht zufällig damals die „Wiener Krankheit“ genannt wurde. Wären die Straßen menschenleer gewesen, man hätte davon allerdings nichts gemerkt, denn die straßenseitigen Fassaden wollten es jenen der Bürgerhäuser gleichtun mit ihrem reichen, bauplastischen Dekor. Die Architekten von damals – gar nicht so selten selbst ausführende Baumeister und Bauherrn solcher Häuser - wollten wenigstens hier an den Straßenfassaden ihren künstlerischen Gestaltungswillen zeigen. Hinter diesen potemkinschen Fassaden endete allerdings ihr Kunstwille, dort gab es keine prächtigen Eingangshallen, keine lichtdurchfluteten Stiegenhäuser mit kühn geschwungenen, breiten Treppenläufen, nicht weitläufige Wohnungen mit reichverzierten Stuck-, oder Kassettendecken und edel glänzendem Sternenparkett. Dort herrschte nur nacktes Elend.
Hier erscheint die vortäuschende Lüge in ihrer Bösartigkeit, kein Zweck kann sie legitimieren, dient sie doch nur dazu, gemeine, menschenverachtende Ausbeutung zu kaschieren. So konnte der im Zentrum wohnende, wohlhabende Bürger mit seiner Familie unbelästigt entlang dieser Zinskasernen durch die Straßen der Vorstadt in der Kutsche hinaus zur Landpartie oder seiner Sommerresidenz fahren, denn das Elend blieb den Seinen hinter schmucken Hausfassaden verborgen.
An solchen Beispielen ließe sich gut demonstrieren, dass schlechte Zwecke gelingende Kunst verhindern. Leider ist das aber doch nicht so einfach, denn auch in mörderischen Diktaturen kann gute Auftragskunst gemacht werden, kann Teodor Currentzis für Putin wunderbar Mozart zum Klingen bringen und W. D. Prix ein fantastisches Opernhaus auf der frisch annektierten Krim bauen. Künstler haben schon immer für mörderische Potentaten gearbeitet, dort wo Geld und Macht vorhanden ist, das ist nichts Neues. Dass sie das tun ist verstehbar und auch logisch, ihnen ist meist nichts wichtiger, als ihre Kunst zu machen, denn diese ist für sie der höchste Wert. Aber für uns, das Publikum, muss das anders sein, darf die Kunst nicht über den Werten unserer Zivilisation thronen.