Vorurteile und paranoide Haltungen - gescheiterte Versuche des Welt-Verstehens (2018)

"Schau, do liegt a Leich im Rinnsäu 's Bluad rinnt in Kanäu!"

"Herst, des is makaba: Do liegt jo a Kadava!"

"Wer is'n des, kennst du den?"

"Bei dem zaschnidanan Gsicht kau i des net sehn."

"Da Hofer woas vom Zwanzgahaus! Der schaut ma so vadächtig aus! Da Hofa hod an Anfall kriagt und hot de Leich do massakriert!"

Do geht a Raunen durch de Leit, und a jeda hod sei Freid. Da Hofa woas, der Sündenbock! Da Hofa, den was kana mog.

Und da Haufn bewegt si vire, hin zum Hofa seiner Türe. Do schrein de Leit: "Kumm außa, Mörder! Aus is' heit!"

"Geh moch auf die Tia! Heit is' aus mit dia! Weu fia dei Vabrechn muassd jetzt zoin!"

"Geh, kumm außa do! Mir drahn dar d' Guagl o! Weu du host kane Freind, die da d'Schdaungan hoidn!"

"Meichlmöada, Leichenschinder! De Justiz woa heite g'schwinda ois wos d'glaubst!"

"Oiso, Hofer, kommen's raus!"

Und se pumpern aun de Tia und se mochn an Krawäu ois wia, und sie tretatn's a glott ei, tät de Hausmasterin net sei.

De sogt: "Was is denn meine Herrn? Tuns mir doch den Hausfrieden nicht stör'n! Denn eines weiß ich ganz gewiss, dass die Leich da Hofer is!"

In diesem nunmehr bald ein halbes Jahrhundert alten Liedtext hat Joesi Prokopetz, wunderbar komprimiert, die misstrauisch-paranoide Grundhaltung dem Fremden gegenüber dargestellt, dem Außenseiter, der als Bedrohung erlebt wird und in den alles Schlechte, Verdrängte projiziert wird; und die schnell zur Lynchjustiz bereite, sich spontan bildende "Canettische Hetzmasse" (Elias Canetti, Masse und Macht), verbunden im gemeinsamen Vorurteil über den Hofer "den was kaner mog".

In der Regel wird der Begriff Vorurteil negativ konnotiert verwendet. Selbst habe man als aufgeklärter, reflektierender Bürger solche natürlich keineswegs, ganz zu schweigen davon, paranoide Haltungen einzunehmen. Vorurteile haben immer nur die anderen. Was wäre aber, wenn Vorurteile als verhaltenssteuernde Werkzeuge durchaus einen nützlichen Platz im Erkenntnisprozess haben können als Sätze über erfahrene Wirklichkeiten? Sätze, wie etwa:


"Löwen fressen Affen und klettern nicht auf Bäume"


Ein Schimpanse streift mit seiner Horde durch ein lockeres Waldgebiet der Savanne. Plötzlich mit einem im hohen Gras vor ihm auftauchenden Löwen konfrontiert, erschrickt er zu Tode. Einen Wimpernschlag später hat er sich bereits auf einen nahen Baum hinauf gerettet. Er hat nicht versucht abzuschätzen, ob die Entfernung groß genug ist "zu ebener Erd" zu flüchten, oder der Löwe satt aussieht und ohnedies momentan keinen Appetit auf ein "Affensteak" hat und er sich daher gemächlich zurückziehen könnte. Seine selbst gemachte, oder von einem alten "Silberrücken" aus der Horde übernommene Erfahrung "Löwen fressen Affen und klettern nicht auf Bäume" hat seine blitzartige, vernünftige Reaktion ausgelöst und damit möglicherweise sein Leben gerettet - der Löwe hätte ja auch hungrig sein können. Das Vor-Urteil hat sich als nützlich erwiesen. Wer in der Affenhorde über die richtigen verfügte, hatte gute Chancen zu überleben, Nachkommen zu zeugen und seine Gene fortzupflanzen.


Vor-Urteile dieser Art sind also in der Affen-Community sinnvolle Ergänzungen und Vorstufen des Denkens. Affen denken? - Natürlich tun sie das. Bleiben wir noch ein wenig in der Savanne und versetzen wir den flinken Primaten in eine andere Szene. Diesmal entdeckt unser sich dort herumtreibende Vorfahre eine Bananenstaude. Etwas entfernt liegt ein Löwe. Die Früchte leuchten verlockend, der Schimpanse möchte sie holen. Wird er schnell genug sein, oder schnappt ihn der Löwe, noch bevor es ihm gelingen wird sich mit den eroberten Bananen davonzumachen? Er versucht die Entfernungen abzuschätzen und wie schnell der Löwe sein könnte. Ist das ein alter, müder, oder steht er noch voll im Saft? Schaut er satt aus, weil er sich bereits vorher den Bauch vollgeschlagen hat? - Dann wird er wahrscheinlich kaum reagieren. Wie hungrig ist er selbst, oder hat er bloß Appetit auf diese verlockenden Bananen? Sind es genug, dass sich das Risiko lohnt? Der Affe fühlt sich hin- und hergerissen. Wenn er knapp am Verhungern und ein ewig abwägender Intellektueller ist, wird diese Gelegenheit, wie so viele andere zuvor, ungenutzt vorüber streichen und er möglicherweise verhungern. Nachkommen wird er kaum hinterlassen, denn bei den Affendamen hat er es ebenso gehalten und sich nie entscheiden können. Ein anderer aus der Horde wird sich - so nahe dem Verhungern - nach Analyse seiner Chancen ein Herz fassen und - ohne unnötig weiter zu überlegen - lossprinten. So schnell, dass der Löwe gar nicht dazu kommt rechtzeitig aus seiner bequemen Ruhelage aufzuspringen.


"Schnelle" Vor-Urteile - Löwen fressen Affen - und die nachfolgende genaue Beobachtung der konkreten Situation mit Abwägung der Risiken - "soll ich, oder besser nicht?" - führten zu einer angemessenen Beurteilung und darauf basierender Handlungsanweisung - "ich sprinte jetzt los!" Der andere "dumme" Affe hat sich, weiter hungrig bleibend, davongemacht, denn: "Löwen fressen Affen". Sein Konzept über die wahrgenommene Wirklichkeit war bloß von alten, verallgemeinernden Erfahrungen bestimmt gewesen. Zeit hätte er ausreichend gehabt, diese Erfahrungen, seine Vor-Urteile, durch Beobachten und Analyse zu einem situationsgerechten Wirklichkeitsmodell zu synthetisieren und so zu einem schmackhaften Abendimbiss zu kommen. Er verharrt in einer Haltung, die nicht bereit ist aus unmittelbarer Anschauung der Wirklichkeit zu lernen, verharrt im Faulbett seiner Vorurteile.


Zu diesem Versuch, am Beispiel des Affen die positiven, aber auch negativen Funktionsweisen von Vorurteilen darzustellen, hat mich der israelische Historiker Yuval Noah Harari durch eine Passage in einem seiner Bücher (Homo Deus) angeregt. Man sollte ihm allerdings nicht allzu weit in seinem doch recht simplifizierenden, materialistisch-mechanistischen Weltbild folgen. Menschliche Gehirne operieren auf einem ungleich höheren Komplexitätsniveau - meistens zumindest. Viele Befunde sprechen dafür, dass ab einem nicht näher bestimmbaren Grad der Komplexität ein Umschlag ins Qualitative erfolgt. Trotzdem   scheint es mir hilfreich zu sein, hier analog auf unsere Hirnfunktionen zu schließen, da die strukturellen Ähnlichkeiten jener Verfahrensweisen, mit welchen wir versuchen Orientierung zu erreichen, sehr groß sind.


Wir projizieren permanent Muster auf das, was wir als Wirklichkeit erfahren. Wir können gar nicht anders. Wer die Fähigkeit nicht verschüttet hat offen zu bleiben um wahrzunehmen, was auch immer ihm begegnet, geratet leicht in einen Zustand des Sich-nicht-Auskennens in der noch unübersichtlichen, ungeordneten und verwirrenden Widersprüchlichkeit seiner Erfahrungen. Um dem zu begegnen, werden laufend Hypothesen gebildet zur Ordnung des auf uns eindringenden Wahrnehmungsstromes. Neue Erfahrungen ergeben adaptierte oder neue Muster. Wir stellen die alten in Frage, verwerfen diese vielleicht, oder synthetisieren, verflechten Erkenntnisse, treibend im Strom von Ereignissen, Wahrnehmungen.


Entlastung bringen uns Vorurteile. Im besten Fall sind das verallgemeinernde Hypothesen über die zugrunde liegenden Wahrnehmungen, die im Realitätscheck bestätigt wurden. Im schlechteren Fall unerprobt, unbesehen übernommene Urteile anderer. Das muss allerdings nicht immer negativ sein, schützt doch in situ das Vorurteil uns vor Überlastung, gewährt unserem Rezeptionsapparat eine Verschnaufpause. Es ist ja auch anstrengend immer damit beschäftigt zu sein, das was unsere inneren und äußeren Sinneswahrnehmungen vermitteln, zu bewerten und einzuordnen, um orientiert zu bleiben.


Sie seien triviale Gemeinplätze, wird manchmal Vorurteilen entgegen gehalten. "So ist das eben" antwortet die Erfahrung, "die Wirklichkeit ist trivial". It's the Economy, stupid", sagte Bill Clinton. Berthold Brecht lässt MacHeath in der Drei-Groschen-Oper singen: "Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral". Das sind natürlich alles Verkürzungen, Aussagen aus dem Zettelkasten der "Das ist nichts anderes als"-Welterklärer. Vorurteile bilden Aspekte von Wirklichkeiten ab ohne sie hinreichend zu beschreiben. Sie entlasten davon, nicht wieder alles neuerlich durchdenken zu müssen - ein Urteil wurde schon vorher gebildet und ist damit zum Vor-Urteil geworden. In unserer sozialen Gruppe braucht man sich über vieles nicht mehr zu verständigen, wir können davon ausgehen übereinzustimmen, ohne sich dessen weiter vergewissern zu müssen. Die Summe aller dieser angesammelten Vor-Urteile, also unsere Welt-Anschauung, bildet das Fundament gruppeninterner Kommunikation.


Da aber Wirklichkeiten sich in stetem Fluss ändern, kippt irgendwann einmal die Nützlichkeit dieser  Vorweg-Urteile ins Negative. Dann fördern sie den Tunnelblick, dessen Einengung die Sicht auf veränderte Realitäten blockiert. Das erspart zwar die Mühe, unsere Urteile über die Welt einer ständigen Überprüfung auszusetzen, führt aber letztendlich zu Orientierungslosigkeit und  Verlust von Handlungskompetenz in einer nicht mehr verstandenen Welt. Wir sind daher aufgefordert, in Anschauung dieser neuen Wirklichkeiten, sie wahrnehmend, betrachtend, hin und her wendend, die Gültigkeit der alten Urteile zu überprüfen. Wer dies unternimmt und, reflektierend über sie hinaus gehend, zu neuen Beurteilungen kommt irritiert jedoch, verunsichert, ja mag verstören, verstoßend gegen den noch weiterhin geltenden Mainstream. Auch sind oft große innere Widerstände zu überwinden gegen die Zumutung, diese in Erfahrungssätze verdichteten Anschauungen der Welt zu ändern. Unsere Sätze über die Wirklichkeit, unsere Vor-Urteile, müssen - wenn die innere Bereitschaft dazu besteht - in der Endlosschleife eines kontinuierlichen Erkenntnisprozesses laufend überprüft und adaptiert werden.


Was aber kann geschehen, wenn Gesellschaften, so wie wir es heute erleben, sich zunehmend bedroht fühlen? Wenn die herbeigesehnte - herbeigeredete? - offene Gesellschaft nur mehr Platz findet für jene, welche mit ausreichendem Verstand, Intelligenz, Flexibilität, Gesundheit und Energie ausgestattet sind; nur von den Privilegierten zur freien Entfaltung genutzt werden kann. Mit einem Wort: von den Tüchtigen? Nicht zufällig werden von uns eingefordert Ertüchtigung, Fitness, Enhancement, Empowerement, und was es sonst noch geben mag an euphemistischem, zeitgeistigen Business-Neusprech. Die Beschleunigung technologischer Entwicklungen und der damit einher gehenden Veränderungen im gesellschaftlichen Gefüge erzeugen eine neue Unübersichtlichkeit der Welt. Sie generieren ein weit verbreitetes Gefühl der Überforderung, ein alle Bereiche erfassendes Überlastungssyndrom, welches zum Ausgangspunkt sich diffus ausbreitender Ängste geworden ist. Noch vor zwei Jahrzehnten sprachen hierzulande Politiker gerne von unserer "Insel der Seligen". Kaum eine Generation später reüssieren europaweit jene Kräfte (in fast allen politischen Lagern!), die nach Abschottung und Eindämmung und der Rücknahme technologischer und gesellschaftlicher Entwicklungen rufen mit dem Versprechen, so unsere Ängste zu bannen. Diese werden politisch instrumentalisiert und, je nach Vorlieben, gelenkt auf Migranten - oder überhaupt Ausländer, den Islam, oder den "Ewigen Juden" in Gestalt des George Soros; aber auch auf "Datenkraken" wie Google, auf die um sich greifende Automatisierung und Digitalisierung aller Lebensbereiche, die Umweltkatastrophe, oder was sich sonst noch als uns bedrohenden Außenfeind benennen lässt. Mit einem Wort, der Zukunft wird nicht mehr hoffnungsfroh entgegen gesehen als dem ersehnten Ort der Erfüllung unserer Träume vom geglückten Leben. Die bevorstehenden und schon längst in Gang gesetzten Veränderungen werden von den neuen Unterprivilegierten nur mehr als Bedrohung erlebt und die kommende Welt nur als ein unverständlicher, unwirtlicher Ort, ohne Platz für sie gesehen. So soll das Fremde, Neue, Unbekannte, das uns den Untergang bringen wird, draußen vor den hochgezogenen Grenzen bleiben. Denn: Die Apokalyptischen Reiter stürmen heran.


Auf diesem Nährboden diffuser, durchaus auch berechtigter Ängste gedeiht die Entwicklung einer paranoider Haltung, welche als Sonderform einer vorwiegend von Vorurteilen bestimmten Grundhaltung zur Wirklichkeit gesehen werden kann. In ihrem Tunnelblick wird die Außenwelt nur mehr als feindseliges Territorium gesehen, in dem das Böse überall darauf lauert, uns zu vernichten. Die Fähigkeit unseres Gehirnes ist hochentwickelt, über unsere  Wahrnehmungen erklärende Muster zu projizieren und auf diese Weise das Chaos der eindringenden Außenwelt zu ordnen. Gefangen in der durch die imaginierte Vorstellung einer allumfassenden Bedrohung geprägten Vorurteils-Haltung, konzentriert sich diese Fähigkeit auf Versuche, das lähmende, diffus bedrohende Unbekannte in Bildern zu konzentrieren und damit die Ängste auf diese zu richten.  In der Entwicklung von Theorien über dieses draußen lauernde, sich verschwörende Böse, können die paranoid Fühlenden Entlastung vom Dauerstress der umfassenden Bedrohungen finden; darüber hinaus aber auch Autonomie wieder erlangen, sowie das verloren gegangene Gefühl Kontrolle über die Umwelt zu haben. "Denn..", um mit Elias Canetti zu schließen, "..nichts fürchtet der Mensch mehr, als die Berührung durch das Unbekannte".