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Wahrheit und Lüge (Juni 2025)

„Moral hat mit Moralisieren übrigens so viel zu tun wie Wahrheit mit Wahrhaftigkeit. Diese, nicht die Wahrheit ist nämlich das Gegenteil der Lüge. Wahrhaftigkeit ist ein Verhalten, die Wahrheit eine Form der Realität, der wir uns nur annähern und die wir nur zu erkennen versuchen können.“ (Arnim Thurnher, 2025)


Was war das doch für eine gut überschaubare Welt gewesen, in welcher man ohne Bedenken davon reden konnte, man bemühe sich, sein Denken und Handeln an den unverrückbaren Leitsternen des „Wahren, Guten und Schönen“ auszurichten. Diese Welt, scheinbar intakt bis weit hinein in das 19. Jahrhundert, ist längst untergegangen, zugrunde gegangen an ihren Lebenslügen, vielleicht auch am Überdruss, letztlich aber im Inferno der beiden Weltkriege.

Können wir heute überhaupt noch guten Gewissens und einschränkungslos von etwas behaupten, dies sei doch zweifellos wahr, jene Handlung gut und der Anblick doch unbedingt schön? Ist diese Vorstellung von nicht in Frage zu ziehenden Werten noch haltbar, ist nicht alles relativ, alles eine Frage des Standortes, der Perspektive? Auch kommt noch dazu, dass das, was wahr ist, oft wahrlich nicht schön, was schön nicht selten gar nicht gut sein muss. So ist das also mit diesem widersprüchlichen Wertekompass, der seit Jahrtausenden die europäische Geistesgeschichte durchwebt.

Ich orientiere mich daher lieber an dieser ethische Maxime: „Was wahr ist, können wir nicht erkennen; wir können aber nach Wahrhaftigkeit streben.“ Der Satz gefällt mir deshalb so gut, weil er das Bewusstsein aufgeklärten Nichtwissens mit einer ethisch motivierten Haltung verbindet. Wer so denkt, vermeidet einerseits den platten Glauben, Wahrheit erkennen zu können. Andererseits wird er, angesichts  dieses Wissens um sein Nichtwissen, nicht in die drohende Falle tappen, darauf mit zynischer Resignation reagieren zu müssen. Man könnte ja meinen: Wenn wir ohnedies wenig bis nichts erkennen können und jeder anderes für wahr hält, das Wissen von heute schon morgen überholt sein wird, was bringts mir dann, meine knapp bemessene Zeit darauf zu verschwenden, mich um Erkenntnis zu mühen, die ohnehin nicht möglich ist? Oder sogar keineswegs mit Resignation reagieren, sondern ganz im Gegenteil, in aller Hybris, sich selbst dazu ermächtigen, erdachte Wirklichkeiten für wahr zu erklären und sie, andere täuschend, zum eigenen Vorteil nutzen. Neuerdings nennt man das „Alternative Fakten“. Die Zahl solcher Wahrheitserfinder wächst in beunruhigendem Tempo.

Nicht nur zynische Manipulatoren erfinden ihnen nutzende Wirklichkeiten. Wir alle machen das ständig. Es ist trivial, daran zu erinnern, dass unsere Sinne einerseits nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit, also dessen, was ist, wahrnehmen können; und andererseits, dass das, was wir zu erkennen glauben, unbeweisbare Hypothesen sind. Trotzdem müssen wir uns darauf verlassen, diese Annahmen für wahr zu halten, um uns in der umgebenden Welt bewegen zu können. Wir nehmen einfach an, dass es direkt vor uns kein gefährliches Hindernis gibt, eben weil wir es nicht sehen können und gehen einfach los, obwohl wir wissen, dass wir mit unseren Sinnen nur einen winzigen Ausschnitt dessen wahrnehmen können, was uns tatsächlich umgibt. Dieser Wagemut gründet auf unseren Erfahrungen – es ist einfach oft gut gegangen, einfach so drauflos zu gehen. Meistens. Aber es könnte schon sein, dass wir dabei plötzlich gegen ein uns völlig unsichtbares Hindernis stoßen. So kann es Wissenschaftlern gehen, wenn sie neue Tore in unbekannte Welten aufstoßen wollen, Politikern bei ihrer Arbeit an der Gestaltung der Gesellschaft und Künstlern, beim Entwurf neuer, nie gesehener Welten.

Wir sind geborene Strukturalisten mit mehr oder weniger großer Begabung, in allen uns begegnenden Phänomenen Muster zu erkennen, aus denen wir uns ein plausibel erscheinendes Bild der Welt konstruieren. Das sollten wir uns immer vor Augen halten, wenn wir mit Überzeugung etwas für wahr erklären, nämlich, dass die Wahrheit von heute, sich morgen als Irrtum erweisen könnte.

Diese Haltung, übrigens eine der unverzichtbaren Grundlagen für Toleranz, ist schwer zu leben. Sie setzt voraus zwei Sichtweisen zu verbinden, die eigentlich unvereinbar sind. Einerseits braucht es dieses (naive?) Urvertrauen auf unsere Fähigkeit, Wirklichkeit erkennen zu können, denn sonst könnten wir uns nur mehr auf altvertrauten Wegen bewegen und müssten, ewig ängstlich, im Altvertrauten verharren, Neues meidend. Andererseits aber müssen wir im Auge behalten, dass dieses Urvertrauen trügerisch ist, wir gleichsam nur so tun können, als ob wir etwas ganz sicher wüssten, es aber nicht mit Gewissheit wissen können. Diesem Gegenspieler in uns dürfen wir allerdings nicht gänzlich das Steuer auf unserer Fahrt ins Unbekannte überlassen; um im Bild zu bleiben, auch nicht das Gaspedal, denn es braucht schon eine ordentliche Antriebskraft, um die Schwelle ins Unbekannte überwinden zu können, da muss alle bewegungshemmende Vorsicht vorerst einmal ausgeblendet werden. Hypothesen über die Wirklichkeit aufzustellen, also Wahrheiten zu postulieren und gleichzeitig zu denken, dass diese meine Irrtümer von morgen sein könnten, ist kaum möglich. Das geht nur eins nach dem anderen, aber nie gleichzeitig. Diese unterschiedlichen Verhaltensweisen sind allerdings nur dann einander widersprechende, wenn sie nicht als zwei Seiten Desselben gesehen werden, nämlich zusammengehörige Erscheinungsweisen einer Haltung. Es geht dieser nicht um die Suche nach Wahrheit, sondern um das Bemühen, wahrhaftig zu sein, welches die Quelle jeder moralischen Haltung ist.

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